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Mehr als ein historischer Kaffeefleck

20.10.2006: Als die Kirchturmuhr um 9 Uhr schlug, war es nicht der Einklang zu einem Gottesdienst. Am 19. Oktober läutete die Glocke den zweiten Jugendgeschichtstag in Sachsen-Anhalt ein, dieses Mal in der Johanniskirche in Magdeburg. Über 130 jugendliche Zeitenspringer hatten gemeinsam mit ihren LehrerInnen und ProjektleiterInnen den Weg in die lichtdurchflutete Kirche an diesem kalten Morgen gefunden. Für Schnee war es draußen noch zu warm, drinnen hingegen war er das Thema des Tages. "Heimatgeschichte - Schnee von gestern oder heißes Eisen?" das war die Frage, auf die an diesem Tag Antworten gefunden werden wollten.

(Text/Fotos: Kerstin Müller)

  
 

Holger Hövelmann, Innenminister von Sachsen-Anhalt, eröffnete den Jugendgeschichtstag

"Vergangenheit prägt Gegenwart, darum ist es so wichtig, sich mit den kleinen und großen Geschichten der Heimatregion zu beschäftigen." Mit diesen Worten eröffnete Holger Hövelmann, Innenminister des Landes Sachsen-Anhalt den zweiten Jugendgeschichtstag. In seinem Grußwort an die Zeitenspringer betonte er die Chance, die eine Auseinandersetzung mit der Geschichte bietet. Jeder von uns könne Einfluss auf das heutige Geschehen nehmen, wenn er sich mit Vergangenem beschäftige, so der Innenminister. Er sei besonders stolz, den Zeitenspringern aus Sachsen-Anhalt "ihren" Tag der Projektpräsentation eröffnen zu dürfen. "Das Engagement für die Erforschung der Geschichte entspricht nicht dem Mainstream und deswegen freue ich mich besonders, heute hier so viele Zeitenspringer begrüßen zu dürfen."

Wertschätzung für die Zeitenspringer

  

Andreas Pautzke (re.) kam nach der Eröffnung der Projektmesse direkt mit den Zeitenspringern ins Gespräch

 

Freude klang auch in den Worten von Andreas Pautzke, dem Geschäftsführer der Stiftung Demokratische Jugend, durch. Er betonte, wie wichtig das Jugendprogramm Zeitensprünge nicht nur für die Stiftung, sondern auch für ihn ganz persönlich sei. Dass sich hinter der Förderung von Jugendgeschichtsarbeit auch eine große demokratische Bildungsaufgabe verbirgt, hob er besonders hervor: "Man muss alles tun, um junge Menschen gerade in den neuen Bundesländern anzuregen und dabei zu unterstützen, sich in ihrer Region umzusehen und sich ein differenziertes Bild auf ihre Heimat und deren Vergangenheit zu verschaffen. Das macht sie nicht zuletzt auch weniger anfällig für politische Extreme und vor allem rechte Parolen."

Andreas Pautzke würdigte die Arbeit der zahlreichen Zeitenspringer mit der Eröffnung der Projektmesse und der ersten Wanderausstellung zu den Projekten des Zeitensprünge - Programms. "Dieser Tag bietet den Zeitenspringern die Gelegenheit, ihre vielfältigen Projektergebnisse der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren und Wertschätzung zu erfahren. Für sie ist das heute ein Erlebnis."

Geschichte gut verpackt

  
 

Zeitenspringerteam auf dem Jugendgeschichtstag

Von noch vielen anderen Erlebnissen wussten die Zeitenspringer auf der Projektmesse zu erzählen. Über 25 Projekte hatten die Ergebnisse ihrer Spurensuche eingepackt und mitgebracht. Und dass sie ihrem Projekt das richtige Outfit geben konnten, war nicht zu übersehen.

So war es nicht verwunderlich, dass Sarah, Martin und die zehn weiteren Schüler der Kooperativen Gesamtschule "Wilhelm von Humboldt" aus Halle-Neustadt ihr Projekt "Kleidung im 20. Jahrhundert" in einem überdimensionalen Fotoalbum dokumentierten und sich auch jetzt noch amüsierten, wie gut ihnen der Petticoat und die Röhrenjeans gestanden haben.

  

Für ihr Projekt "Kleidung im 20. Jahrundert" haben sich die Zeitenspringer selber "neu angezogen"

 

"Es war ein super Erlebnis, als wir einen Tag lang im DDR Museum in Wittenberg waren. Wir durften alte Kleider anziehen und haben eine extra Führung durch das Museum bekommen." Martin (14) strahlt noch jetzt, wenn er davon erzählt und die Seite mit den Fotos in dem großen Album aufschlägt. Für Sarah (15) war es besonders interessant, mit älteren Menschen zu sprechen. "Die älteste Frau, die wir für unser Projekt interviewt haben, war 87 Jahre alt. Wir haben viel gelernt und es war spannend, sich mit so vielen Menschen über ihre Kleidung früher zu unterhalten."

Wer sich mit Kleidung beschäftigt und in den Genuss kommt, durch sie das Lebensgefühl von früher zu erfahren, der hat sicher auch ein Lieblingsstück gefunden. Martin muss nicht lange überlegen, er zeigt ein Bild von sich und fügt hinzu: "Der Mantel hier, der war was ganz besonderes - er hatte einen historischen Kaffeefleck."

  
 

Andreas Pautzke (li.) und Heike Thomas (re.) lassen sich das "verwunschene Schloss" genau erklären.

Nur wenige Stände von den "Kleider"-Zeitenspringern entfernt, türmte ein Schloss empor. Ein quadratischer Innenhof, ein in die Luft ragender Kirchturm, zwei mit zahlreichen Fenstern versehene Seitenflügel - ein historisches Bauwerk der besonderen Art. "Hier ist noch eine Etage bewohnt, sonst steht alles leer" - erklärt der 13-jährige Max vom Kreativitätszentrum in Zeitz und zeigt mit dem Finger auf ein Fenster. Es ist ein Modell. Die elf Kinder und Jugendlichen des Projektes "Das verwunschene Schloss" haben sich der in Vergessenheit geratenen Wasserburg in Heuckwalde angenommen und geforscht und gesucht, um herauszufinden, seit wann es die Burg gibt, wie sie wohl von innen aussieht und was man renovieren und sanieren könnte. Und weil sie vom Kreativitätszentrum sind und gerne handwerken, haben sie aus den gefundenen Plänen ein originalgetreues Modell nachgebaut. Mit ihrer Arbeit haben sie das Interesse der Bürger und Bürgerinnen in der Stadt an der Burg wieder geweckt und sogar der Bürgermeister wurde aktiv. Er hat mit den Zeitenspringern eine Führung durch die vor sich hin modernde Burg organisiert und ihnen ermöglicht, ihre Projektergebnisse in der Burg präsentieren zu können. Über einen ganz anderen Erfolg berichtet Max voller Stolz: "Der Stadtplaner will jetzt unser Modell von der Burg haben, um so zu zeigen, wo was saniert werden muss." Ob es eine Sanierung geben wird? Die Zeitenspringer aus Zeitz wissen es nicht, aber bald steht ihr Modell zumindest schon mal im Rathaus.

Ganz persönliche Geschichten

  

Rebecca erzählt von ihren Erfahrungen mit dem Projekt "Juden in Calvörde"

 

Auf der Projektmesse gab es viele spannende Geschichten zur Geschichte und hinter jedem Projekt steckt nicht nur eine Menge Arbeit, sondern oft auch eine besonders nachhaltige Erfahrung. Für Rebecca (17) vom Projekt "Juden in Calvörde" war der Kontakt zu einem überlebenden jüdischen Bürger aus ihrer Stadt etwas ganz besonderes: "Er hat uns seine ganz persönliche Geschichte von der Verfolgung und Vertreibung der Juden erzählt. Das war sehr bewegend."

Sabine und Anne, beide 15 Jahre alt und vom Börde-Gymnasium in Wanzleben, haben in ihrem Projekt über das "Weihnachten 1945" herausgefunden, dass die Menschen damals im Elbbunker Läusekappen tragen mussten. Eine Information, die sie vorher nicht hatten und bei der sie nun noch das Gesicht verziehen. Gelernt hat Anne dadurch: "Man weiß oft nicht, was die Menschen früher im Ort durchgemacht haben, welche schweren Zeiten sie durchgestanden haben."

  
 

"Weihnachten 1945" war das Projekt 2006 von Sabine, Anne und den anderen Zeitenspringern aus Wanzleben. Für 2007 haben sie schon neue Ideen.

Die Zeitenspringer aus Sachsen - Anhalt haben auf der Projektmesse die Frage nach dem Schnee auf ihre Art und Weise beantwortet. Fast alle von ihnen denken sich schon neue Projekte aus, um auch 2007 wieder zu erforschen, entdecken und aufzuspüren. "Wir wollen weitermachen. Vielleicht dann zur DDR Geschichte. Das ist ein Schlagpunkt, der noch nicht so weit zurückliegt" sagt Sabine aus Wanzleben und packt am Ende des Jugendgeschichtstages nicht nur ihre Projektergebnisse wieder ein, sondern auch eine neue Idee.

Begleitet wurde der 2. Jugendgeschichtstag in Sachsen-Anhalt von einer Podiumsdiskussion und zahlreichen Themen-Workshops für die Jugendlichen und LehrerInnen rund um Methoden und Ideen zur Geschichtsforschung.



Erfahren Sie mehr über unsere "Zeitenspringer" in Sachsen-Anhalt im Projektkatalog 2004-2006.

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