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Die Vergangenheit im Blick und fit für die Zukunft: Der Jugendgeschichtstag in Sachsen

06.11.2006: Der Plenarsaal im sächsischen Landtag in Dresden war voll am Freitag. Nicht ganz pünktlich, aber farbenfroh füllten sich gegen 10 Uhr an diesem eisigkalten aber sonnigen Morgen die Reihen des politisch so bedeutsamen Saales. Nicht rot-grün, gelb-schwarz oder rot-rot waren die Farben, die die Reihen politisch besetzten. Dieses Mal dominierten hell- und dunkelblau: die Farben der Zeitenspringer.

(Text/Fotos: Kerstin Müller)

  
 

Der Plenarsaal des sächsischen Landtages voll besetzt mit jugendlichen Zeitenspringern

Der Landtag in Dresden schien der perfekte Ort für den zweiten Jugendgeschichtstag in Sachsen zu sein. Mehr als 200 Jugendliche nahmen Platz auf den grünen Drehstühlen in dem wichtigsten Saal ihres Bundeslandes. Wo sonst Entscheidungen für die Zukunft getroffen werden, drehte sich an diesem Freitag alles um Geschichte und Geschichten. Hier sollten die Zeitenspringer zu Wort kommen und Fragen stellen, sich einbringen, ihre Projekte präsentieren und gemeinsam ins Gespräch kommen. Es war eine außerordentliche Sitzung im sächsischen Landtag - mit hoher Bedeutung.

  

Von links nach rechts: Regina Schulz, Dr. Dieter Herz, Heidemarie Rubart

 

Zur "außerordentlichen Sitzung" der Zeitenspringer ergriff Regina Schulz, Vizepräsidentin des Sächsischen Landtages, zur Eröffnung das Wort und begrüßte die Zeitenspringer an diesem so bedeutsamen Ort. "Hier im Landtag werden Entscheidungen getroffen, die eure Zukunft betreffen. Die Generation, der ihr angehört, wird bald die Verantwortung übernehmen und diese Zukunft mitgestalten." Sie dankte den Zeitenspringern für ihr Engagement und schlug vor, den Jugendgeschichtstag zur Tradition im Landtag zu machen. Beifall gab es von den Zeitenspringern, die sich sichtlich willkommen fühlten.

Ein zweites Grußwort richtete Dr. Dieter Herz vom Sächsischen Staatsministerium für Kultus an die anwesenden Jugendlichen, Projektleiter/-innen und Lehrer/-innen. Er betonte die Intensität, mit der Jugendliche in ihren Zeitensprünge-Projekten auf Spurensuche gehen und die Bandbreite an geschichtlichen Ereignissen, die sie erforschen. "Zeitenspringer decken nicht nur auf, sondern finden auch heraus, warum etwas so war und wie es dazu gekommen ist." Dieses Herausfinden könne auch dazu führen, dass man sich mit der eigenen Region und der Zukunft der Region anders auseinandersetze. "Heimat ist etwas sich veränderndes. Man muss Heimat gestalten".

  
 

Heidemarie Rubart läßt sich die Spurensuche der jüngsten Zeitenspringer erzählen

Heidemarie Rubart, Leiterin der Koordinierungsstelle "Perspektiven für junge Menschen - gemeinsam gegen Abwanderung" erzählte im Anschluss von den Anfängen des Jugendprogramms Zeitensprünge und dem Anliegen der Stiftung Demokratische Jugend, mit Zeitensprünge der Abwanderung junger Menschen aus Sachsen etwas entgegenzusetzen "Durch die Auseinandersetzung mit der Regionalgeschichte wächst das Bewusstsein für die Gestaltbarkeit von Prozessen vor Ort - und damit wachsen auch die Chancen für ein eigenes Engagement." Zum Schluß bat Heidemarie Rubart alle anwesenden Zeitenspringer, sich von den Rängen zu erheben. Es eröffnete sich ein imposantes Bild: eine klare zwei-drittel Mehrheit für die blauen Zeitenspringer. "Wir haben bisher etwa 75 Zeitenspringer-Teams in Sachsen. Sorgen Sie mit uns dafür, dass es im nächsten Jahr mehr als 100 werden."

Auf dem zweiten Jugendgeschichtstag in Sachsen war sonst wenig von formaler Politik zu spüren. Hier wurden persönliche Geschichten erzählt und ehrliche Fragen gestellt. Die Jugendlichen, Projektleiter/-innen und Lehrer/-innen hatten die Möglichkeit, in zwei Podiumsdiskussionen mitzureden.

Ganz persönliche Geschichten

  

Wo ist deine Heimat? Alisa (2. v.li) hat drei Heimaten, Marcus (re.) möchte nur eine haben

 

Podium eins verwandelte den Raum der Landespressekonferenz zu einem Ort der Kindheitserinnerungen. Zum Thema "Heimat ist, wo…" erzählten Vertreter/-innen aus Jugendarbeit, Forschung und Wissenschaft sowie jugendliche Zeitenspringer von ihren Heimaten und Verbindungen zu Menschen, Dialekten und Sprachen. "Wenn ich an Bremen und den "ztarken ztrom" denke, wird mir ganz warm ums Herz", erfuhr man von Dr. Christine von Blanckenburg vom nexus Institut in Berlin. "Ich habe drei Heimaten. Die Ukraine, Israel und seit fünf Jahren Deutschland", erzählte die Zeitenspringerin Alisa. Sie ist mit 12 Jahren aus der Ukraine gegangen und nach Deutschland gekommen. Ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Religion verbindet sie mit dem Land Israel. "Ich kann mir vorstellen, auch noch eine vierte Heimat zu bekommen. Das kommt ganz darauf an, wo ich gebraucht werde." Ein bisschen Gänsehaut machte sich breit bei diesen persönlichen Einblicken in so unterschiedliche Lebensgeschichten und so unterschiedliche Einstellungen zur Heimat. Was für Alisa selbstverständlich ist, würde dem Zeitenspringer Marcus Schwierigkeiten bereiten. "Ich habe so viele Erinnerungen an meine Heimat. Ich könnte mir nicht vorstellen, noch eine zweite zu haben. Außerdem brauche ich Leute, die so ticken wie ich und die findet man nicht überall." Eine besonders persönliche Verbindung zur Heimat knüpfte Prof. Uwe Hirschfeld von der Evangelischen Fachhochschule Dresden: "Heimat ist für mich immer ein Stück Lebensgeschichte. Heimat ist da, wo man den ersten Teddy hatte oder wo man das Schnuffeltuch hinter sich hergezogen hat. Für mich gibt es das nur einmal."

Ein bisschen Uni im Landtag

  
 

"Wir möchten Verantwortung übernehmen, aber wie?" Diskussion um die Zukunft der Jugend in Sachsen

Auch persönlich aber mit weitaus härteren Fragen ging es im zweiten Podium zu. Hier machten sich ebenfalls zwei Zeitenspringerinnen gemeinsam mit Praktiker/-innen Gedanken über Alternativen zur Abwanderung junger Menschen aus den Neuen Bundesländern. Was können Haltefaktoren sein? Das war die wohl wichtigste Frage. Gemeinsam wurden die Antworten Arbeit und Ausbildung, Schule und Freizeitmöglichkeiten diskutiert. Die Jugendlichen beklagten schließenende Schulen und sich verlängernde Schulwege, auswegslose Bewerbungen und die zunehmende Aufgabe ihrer Träume. Die Vertreter/-innern aus Praxis und Wirtschaft zeigten Möglichkeiten auf, sich mit der aktuellen Wirtschaftslage und den Auswirkungen des demografischen Wandels auseinanderzusetzen und ermutigten die Jugendlichen, zum aktiven Mitgestalter ihrer Region und ihrer Zukunft zu werden. Der Plenarsaal verlieh der Diskussion zwischenzeitig einen fast schon universitären Charakter. Zwischendurch wurde auf die Tische geklopft und immer wieder ging ein gemeinsames Raunen durch den Saal. Dass die Schlussfrage aus dem Plenum darauf zielte, wo man sich in Sachsen in Jugendparlamenten engagieren könne, schien schon fast ein wenig ironisch. Immerhin saßen die Jugendlichen an diesem Tag schon im sächsischen Landtag und hatten sich Gehör verschafft.

Zeitzeugen ganz weit vorn

  

Dreifach im Bild: Ein Zeitzeuge persönlich auf dem Jugendgeschichtstag

 

Den Höhepunkt am zweiten Jugendgeschichtstag bildete der Projektmarkt. Über 35 Zeitenspringer-Teams präsentierten ihre Projektergebnisse und standen allen Interessierten Rede und Antwort. Auch Regina Schulz, Vizepräsidentin des Sächsischen Landtages, Friedemann Beyer vom Sächsischen Sozialministerium und Heidemarie Rubart von der Stiftung Demokratische Jugend ließen sich von den Zeitenspringern persönlich erklären, was sie erforscht und entdeckt haben. Da war die Geschichte einer Flaschenpost als Ausgang für eine Zeitreise in die Vergangenheit des Jugendclubs oder das Toilettenpapier als Erzeugnis der Papierfabrik, die im Ort eine ganz besondere Rolle spielt. Der Jugendwerkhof in Torgau war Schauplatz einer Spurensuche, genauso wie das Neubauviertel in Dresden.

  
 

Zeitenspringer aus Kriebethal: Sie haben sich mit der Papierfabrik im Ort beschäftigt

Der Projektmarkt präsentierte eine Fülle an Geschichten und Gesichtern. Besonders interessant schien für die Zeitenspringer der direkte Kontakt zu Zeitzeugen zu sein. "Es war einfach interessant, etwas von einem Zeitzeugen zu erfahren, der in der DDR gelebt hat und damals so alt war wie wir heute. Das könnten wir uns sonst ja gar nicht vorstellen" erzählte der 16-jährige Zeitenspringer Christopher aus Torgau. "Wir haben durch die Gespräche mit dem Chef der Papierfabrik Sachen herausgefunden und entdeckt, die sogar die Mitarbeiter der Fabrik noch nicht mal wussten, obwohl sie zum Teil schon lange dort arbeiten."

  

2/3 Mehrheit für hellblau-blau: Die Zeitenspringer aus Sachsen

 

Die Zeitenspringer Marcus (20) und Tina (19) aus Kriebethal berichteten von ihren positiven Erfahrungen im Umgang mit Zeitzeugen. "Wir haben massive Unterstützung von allen Seiten bekommen." Die Jugendlichen vom Jugendhaus Hanno in Pirna erzählten, dass sie durch Gespräche herausgefunden haben, dass die Menschen in den 50er Jahren zum Teil mit Lumpen Fußball gespielt haben. "Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen."

  
 

Mit Liebe zum Detail präsentierten die Projekte ihre Ergebnisse

Vorstellbar ist seit dem zweiten Jugendgeschichtstag in Dresden aber durchaus etwas: Der Tag wird Tradition im Landtag und Regina Schulz unterstützt die Projekte so gut sie kann. Vom Projekt "Der Brühl und seine Geschichte" ließ sie sich die Nummer des Projektleiters geben. "Eure Ausstellung eignet sich ja hervorragend für den Stadtrat. Ich könnte ihm anbieten, euer Projekt dort auszustellen."

Der Landtag in Dresden war der perfekte Ort für den zweiten Jugendgeschichtstag in Sachsen. Auf die hellblau-blauen Zeitenspringer ist Verlass. Ihnen verdanken viele Geschichten neue Gesichter.


Erfahren Sie mehr über die Projekte unserer "Zeitenspringer" aus Sachsen im Projektkatalog 2004-2006.

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