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Geschichts-Performance `a la Zeitensprünge

17.11.2006: Der zweite Brandenburger Jugendgeschichtstag besticht durch Erfahrungsaustausch

(Text/Fotos: Kerstin Müller)

  
 

"Vom Walzer zum Hip Hop" - fette Beats leiten den Tag ein

"Fette Beats" könnte man die Töne nennen, die den zweiten Brandenburger Jugendgeschichtstag eröffneten. Inmitten des historischen Alten Rathauses in Potsdam verwandelten Jugendliche des "Zeitensprünge" - Projektes "Vom Walzer zum Hip Hop" die Bühne des ehrwürdigen Festsaales in einen Schauplatz für Performance der Gegenwart. Erst Walzer, dann Breakdance, dann eine einstudierte Choreografie: ein chronologischer Kurzflug durch die Musikgeschichte ihres Projektes. Jugendlich begann der Tag - aber generationenübergreifend wurde er zum einem Fachtag der ganz besonderen Art.

  

Brandenburgs Jugendminister Holger Rupprecht eröffnet den zweiten Jugendgeschichtstag

 

Offiziell leitete der Jugendminister Brandenburgs, Holger Rupprecht, stellvertretend für den Schirmherrn Ministerpräsident Matthias Platzeck in den bevorstehenden Dialog über das Gestern, Heute und Morgen ein. Er blickte ganz persönlich zurück auf seine Jugend und betonte, wie glücklich er gewesen wäre, wenn er so viele Möglichkeiten gehabt hätte, sich mit der Geschichte und der Heimat auseinandersetzen zu können. "Wir als Landesregierung wollen den Heimatbegriff positiv besetzen und wir wollen, dass die Jugendlichen in ihrer Heimat bleiben und ihre Heimat ist das Land Brandenburg. Wir schätzen es sehr, dass sich die Jugendlichen in den "Zeitensprünge" - Projekten mit Regionalgeschichte beschäftigen und ich freue mich über die externe Unterstützung durch den Landesjugendring und die Stiftung Demokratische Jugend, die dieses Engagement bei den Jugendlichen erst ermöglichen."

Der Grundton des Vormittags war die Musik. Passend zur Überleitung in das Thema "Heimat", präsentierte der bekannte Filmmusiker und Komponist Peter Gotthardt seine Klangcollage "Heimatklänge". Zeit für die zahlreichen Zeitenspringer, Projektleiterinnen und Projektleiter sowie Abgeordnete des Landtages, sich zurückzulehnen und auf eine musikalische Reise durch die Vielfalt der Heimaten zu begeben. Die Heimatklänge stießen auf Gehör: Es wurde geschmunzelt, es wurde gelacht - Heimat hat jeder, dieses Gefühl lag im Saal.

  
 

Erinnerungen sind oft subjektiv - wie gehen Zeitenspringer damit um? Sabine Moller möchte es wissen

Rausgerissen aus der Welt der Klänge und reingeworfen in die wissenschaftliche Betrachtung von Vergangenheit und Erinnerungen wurden die Gäste des Jugendgeschichtstages im Anschluss durch ein Impulsreferat der Sozialwissenschaftlerin Dr. Sabine Moller. "Bei meiner Oma war das ganz anders" - lautete der Titel ihres Kurzvortrages. Sie sprach über die Widersprüche zwischen Zeitzeugenerinnerungen und der offiziellen Geschichtsschreibung und regte im Anschluss einen Dialog an. Zahlreiche "Zeitenspringer" - Teams führen im Rahmen ihrer Projekte Zeitzeugeninterviews durch, für sie also ein Vortrag mit eigenem Praxisbezug.

Im Blickpunkt des Nachmittags stand der "Markt der Möglichkeiten". 25 "Zeitensprünge" - Projekte präsentierten ihre eigenen Projektergebnisse und erhielten zugleich auch einen Einblick in die Arbeit anderer Teams. Klein und überschaubar war der Markt. Es wurde mal geschoben und auch mal gedrängelt, aber die persönliche Atmosphäre brachte alle Beteiligten schnell ins Gespräch.

  

Sieglinde Heppener, SPD Landtagsabgeordnete besucht den "Markt der Möglichkeiten"

 

Die brandenburgische SPD Landtagsabgeordnete Sieglinde Heppener nahm sich Zeit und besuchte nahezu jedes Projekt. Sie stellte Fragen, verteilte Lob und erzählte aus der eigenen Geschichte. Von den eigenen Erfahrungen hingegen berichteten die Jugendlichen - und das klang positiv: "Ich finde Schwarzbach klasse. Wir haben 600 Einwohner aber da findet ein Zusammenwirken statt. Wenn wir dem Heimatverein mal helfen, Getränke auszuschenken, dann werden wir danach bei unserem Jugendclub unterstützt."

  
 

"Schwarzbach ist ein toller Ort" - begeisterte Zeitenspringer

Danilo (14) ist begeistert von seinem Ort und dessen Vergangenheit. Lydia (16), vom gleichen Projekt, erzählt vom praktischen Erfolg: "Wir haben das Schloss erforscht. Dieses Schloss war immer das, wo nachts alle Angst vor hatten. Wir haben sozusagen Licht ins Dunkle gebracht und eine Ausstellung über das Schloss erarbeitet." Und wem gehört das Schloss? - die erwachsenen Besucher am Stand haben viele Fragen und Lydia, Danilo und Kevin freuen sich, alles erzählen zu können.

  

Daniel, ein Zeitenspringer von "Auf dem Fußballfeld waren sie Freunde"

 

Zwei Projektstände weiter sticht eine Collage mit Fußballbildern ins Auge. "Auf dem Fußballfeld waren alle Freunde" lautet die Überschrift. Wer war Freund vom wem? - die Frage liegt nahe, Zeitenspringer Daniel (24) hat die Antwort. "Die Christen und Juden. Wir haben herausgefunden, dass der Fußball und die Zeitschrift Kicker von jüdisch Gläubigen erfunden wurde und dass es viele bekannte jüdische Fußballer gab. Ab 1938 war das alles egal. Unvorstellbar, dass die jüdischen Gefangenen aber sogar im Lager in Terezin noch Fußball gespielt haben." Entsetzen über die erforschte Realität ist Daniel anzumerken, aber auch ein Stück Verantwortungsgefühl, sich diesem Thema angenommen zu haben. "Wir sind mit dem Team auch nach Terezin gefahren. Wir sind dort den letzten Gang der Fußballerfinder irgendwie mitgegangen."

Wieder zwei Stände weiter. Projektleiterinnen tauschen sich aus. "Wir haben so viel Material über das Bergschlösschen gefunden, das ist Wahnsinn" erzählt Sabine Klemke aus Spremberg. Sie hat mit ihren Jugendlichen zu Geschichte, Architektur und Musik des Schlosses geforscht. Es waren ihre Jugendlichen, die jetzt Walzer tanzen können. "Das Projekt kam in unserem Ort sehr gut an, die Unterstützung war von allen Seiten wirklich hervorragend und wir haben Kinder und Jugendliche für das Gleiche faszinieren können" hört man den Projektleiter Manfred Specht über das Projekt "Scherben der Geschichte" erzählen. Die Kinder in seinem Projekt haben Fragen gestellt und die Großen haben die Antworten gesucht. Manfred Specht ist begeistert von seinem Projekt, er fotografiert aber auch andere Projektstände. Auf der Suche nach neuen Ideen und Bildern für die Kinder, die heute nicht mitkonnten. Heike Thomas, Programmbetreuerin von "Zeitensprünge" in der Stiftung Demokratische Jugend, wendet sich ganz zielstrebig an die Projekte. "Ihr habt so tolle Bilder und Berichte zum Stasi - Gefängnis gemacht, bietet sie dem Museum an, meldet euch da" ermutigt sie die Jugendlichen vom Projekt "Wenn Steine reden könnten - die Potsdamer Lindenstraße."

Der "Markt der Möglichkeiten" wurde seinem Namen gerecht. Für jeden gab es die Möglichkeit, sich vorzustellen, andere kennen zu lernen, Kontakte zu knüpfen - und vor allem: gewürdigt zu werden. Die Jugendlichen haben bewiesen: Wenn Geschichte zum anfassen, anhören und anschauen gestaltet werden kann - wenn sie Geschichte in ihrer Sprache sprechen können, dann gibt es kaum etwas, was sie nicht erforschen können.

  
 

Heike Thomas und Bernd Mones eröffnen die "Zeitensprünge" Wanderausstellung

Eine Würdigung aller Zeitenspringer beendete diesen zweiten Fachtag zur Geschichte von gestern, der Jugend von heute und dem Brandenburg von morgen. Heike Thomas sowie Bernd Mones und Sandra Brenner vom Landesjugendring Brandenburg eröffneten die "Zeitensprünge" - Wanderausstellung und stießen mit den Jugendlichen, Projektverantwortlichen und allen anwesenden Gästen an. Auf ein tolles Zeitenspringer Jahr 2006 und auf ein neue Runde 2007.




Lesen Sie hier eine ausführliche Dokumentation über den Jugendgeschichtstag in Brandenburg "heute ist morgen gestern II"!

Erfahren Sie mehr über die Projekte unserer "Zeitenspringer" aus Brandenburg im Projektkatalog 2004-2006.


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