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Ganz nah dran: Zeitenspringer bei der Arbeit

24.04.2007: Teil 1: Ein Tag in Brandenburg. 3 Orte. 4 Projekte. 1 Auftrag: Geschichte neu entdecken.

(Text/Fotos: Kerstin Müller)

  
 

Juliane (mi.) erzählt vom Zeitzeugengespräch

Es ist 13 Uhr als die Schulklingel schellt. Die meisten Schülerinnen und Schüler des Saldern Gymnasiums in Brandenburg an der Havel haben die letzte Schulstunde hinter sich und gehen in den wohlverdienten "Feierabend". Nicht alle. In Raum 1 im zweiten Stock sitzen noch Juliane Hess, Gudrun Bauer und Hanswalter Werner. Schülerin, Museumspädagogin und Schuldirektor teilen sich einen Tisch. Was sich formal nach einer Audienz zum Nachsitzen anhört, ist das wöchentliche Treffen eines Zeitensprünge - Teams. Normalerweise sind sie zu fünft oder zu sechst. Manche können heute nicht. Sie treffen sich, um das Zeitzeugeninterview in der vergangenen Woche Revue passieren zu lassen und von den Eindrücken zu erzählen.

"Auf ein Mal ist die Vergangenheit wieder ganz nah"

Dieses Projekt möchte die Geschichte der DDR - Schriftstellerin Edeltraud Eckert neu entdecken. Erst vor ein paar Tagen haben Juliane und die anderen Projektteilnehmerinnen und Teilnehmer in Köln die Schwester der berühmten Schriftstellerin getroffen und interviewt. "Das ging ganz schön unter die Haut. Wenn man vorher eine Biografie von einer Person liest und sich ein Bild von diesem Menschen macht und dann die Schwester von diesem Menschen trifft. Da kann man so viele Fragen stellen, die nach dem Buch noch immer offen waren." Die 17-jährige Juliane erzählt voller Begeisterung von ihren Eindrücken. "Nach dem Buch dachte ich, dass Edeltraud Eckert ein Familienmensch ist, sich gerne in Gesellschaft aufgehalten hat und dann erzählt die Schwester, dass es genau umgekehrt war. Sie war anscheinend unnahbar. Das hätte ich echt nicht gedacht." Edeltraud Eckert muss einmal nur wenige Meter entfernt von Juliane gesessen haben. Sie war Schülerin der Vorgänger-Schule des Saldern Gymnasiums. Daher kam auch die Idee, über gerade diesen Menschen in einem Projekt zu forschen.

  

Edeltraud Eckert - wie war ihre Geschichte wirklich?

 

"Es ist schon Wahnsinn, die Möglichkeit zu haben, Zeitzeugen zu interviewen. Wir hatten alle eine Gänsehaut, als die fast 80-jährige Dorothea Hilbricht über ihre Schwester erzählte und die Vergangenheit auf einmal wieder ganz nah war." Hanswalter Werner, der Schulleiter, hatte das Projekt zu dem Zeitzeugenbesuch begleitet und ist sichtlich berührt. Sichtlich berührt ist aber auch die Schülerin Juliane. "In der Geschichte zu forschen ist einfach toll. Alte Akten in den Händen zu halten und darin zu stöbern. Das ist etwas besonderes. Ich liebe es." Wenn das Team wieder komplett ist und der Sommer naht, möchten Frau Bauer, Juliane, Christian, Benjamin und vielleicht noch andere Interessierte das Schicksal der DDR-Widerständlerin in einem Dokumentarfilm nacherzählen. Aber bis dahin werden noch weitere Zeitzeugen gesucht. Menschen, die helfen können, die Geschichte von Edeltraud Eckert zusammenzusetzen.

>>> Tipp zum Mitforschen: Jürgen Blunck: "Vom Leben trennt dich Schloß und Riegel", München 2005. Biografie über Edeltraud Eckert.

"Ein Mix aus Alt und Neu"

  
 

Die Zeitenspringer Ann-Kathrin und Olaf

15 Uhr: Das Holz knarrt, die Decken hängen tief, der Boden ist sonnenüberflutet und es riecht nach Farben und Öl. Man hört Schritte und ein leichtes Gemurmel. Es ist Nachmittag in der Galerie des Sonnensegel e.V. am Gotthardtkirchplatz. Wir sind immer noch in Brandenburg/Havel. An einem Tisch sitzen kleine Kinder mit großen Pinseln und weißen Blättern. Ann-Kathrin, Olaf und Ines Frohl sitzen ein Stockwert höher in diesem wunderschönen alten Fachwerkhaus. "Bilder, die in die Tiefe gehen" heißt das Zeitensprünge - Projekt, um das es hier geht. Im Fokus stehen die Geschichten und Gesichter der jüdischen Wohnhäuser. Das Projekt steht noch ganz am Anfang. Olaf und Ann-Katrin, beide Oberstufenschüler, stecken gemeinsam mit der Projektleiterin in der Findungsphase. Olaf möchte sich mit der Spurensuche beschäftigen, herausfinden, wie das Leben früher in den Wohnhäusern aussah, was mit den Familien passierte und ob es heute noch Verwandte oder Bekannte gibt, die wissen, was einst in den Häusern geschehen ist. Ann-Kathrin interessieren Hinterlassenschaften und Bilder. Denn um die Bilder soll es ja auch gehen in dem Projekt.

  

Es soll etwas gedrucktes entstehen...

 

"Wir wissen noch gar nicht so genau, was es am Ende werden wird. Aber auf jeden Fall etwas künstlerisches, vielleicht mit eigenem Druck und einem Mix aus alten und neuen Bildern." Ann Kathrin ist optimistisch, erst muss ja mal geforscht werden. Vielleicht finden sie noch andere Jugendliche, die beim Projekt mitmachen möchten, vielleicht stoßen sie ja in der Jüdischen Gemeinde auf Jugendliche im ähnlichen Alter. Eine große Chance für dieses Zeitensprünge - Projekt. "Zum Glück haben wir ein Buch gefunden, in dem es um Jüdisches Leben in Brandenburg geht, mit den vielen Informationen kommen wir nun erst mal weiter." Olaf ist entspannt. Aber wer ist das nicht. An einem Nachmittag, auf einem Dachboden, mit knarrenden Böden und warmen Farben an allen Wänden. Im Sonnensegel gibt es zur Zeit eine Ausstellung über Jüdische Traditionen. Wenn Olaf und Ann-Kathrin hier also weiterforschen sind sie automatisch immer mitten im Thema.



"Wir haben den Ehrgeiz die komplette Geschichte zu erforschen"

  
 

Der Jugendclub Caputh

Ortswechsel. 17 Uhr in Caputh am Schwielowsee. Wenn man im bekannten Einsteinhaus dieses kleinen Ortes die Wendeltreppe ganz nach oben steigt, kommt man auf das Dach-Terrain des Jugendclubs Caputh. Theke, Sofas und Billard laden zum Verweilen ein und am Tisch in einer Nische sitzt eine stattliche Gruppe junger und älterer Forscher und Forscherinnen. Wir stellen vor: Thomas, Tanja, Vanessa, David, Jaqueline, Marian und Martin. Sie sind alle zwischen 16 und 24 Jahren alt, manche kommen gerade von der Arbeit - ein bunt gemischter Haufen sympathischer Jugendlicher. Sie wollen erforschen, was eigentlich so nahe liegt, aber scheinbar bisher noch nie geschah. Thomas erklärt den Forschungsauftrag: "Wir wollen herausfinden, was ganz früher mal hier im Bürgerhaus war, bevor der Jugendclub die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt bekam. Wir haben mal gehört, dass es ein Beihaus des Schlosses war, aber ob hier ein Amt drin war oder so, das wissen wir alle nicht". Und Martin, der Vorsitzende des Jugendclubs fügt hinzu: "Wir haben natürlich den Ehrgeiz, die Geschichte ganz von Beginn an zu erforschen, hoffentlich klappt´s".

  

Eine alte Ansichtskarte vom Schloss Caputh

 

Die Zeichen scheinen auf grün zu stehen. Petra Borowski, die Projektleiterin konnte Kontakt zu einem ehemaligen Baron aufbauen und Tanja hat im Internet schon alte Ansichtskarten gefunden, die vielleicht Aufschluss geben über das, was einmal hier war. Als nächstes sollen der Heimatverein und das benachbarte Altenheim kontaktiert werden. "Vielleicht finden wir ein paar Interviewpartner, die uns etwas erzählen können" hofft Marian, der sich besonders auf den Filmteil des Projektes freut. Denn wenn die ganzen Vorarbeiten erfolgreich waren und die Geschichte des Jugendclubs Caputh im Bürgerhaus endlich neu entdeckt ist, dann soll es die ganze Welt erfahren: in einer Broschüre und in einem Film. Das eine oder andere scheint dieses Zeitensprünge - Team doch bereits schon jetzt zu wissen, denn Jaqueline lässt anklingen: "Hier sind so viele Sachen passiert - dit gloobt man janisch". Wir dürfen gespannt sein.



"Es melden sich immer noch Menschen bei uns, die uns etwas erzählen möchten"

  
 

Anja und Lilly im Schülercafé

Es riecht nach Grill. Es hört sich nach Party an. Es ist 19 Uhr und am Weinberg Gymnasium in Kleinmachnow feiern Abiturienten ihren letzten Schultag. Sie sitzen gemütlich auf dem Pausenhof mit Tischen und Stühlen, mittendrin etliche Lehrerinnen und Lehrer. Anja und Lilly, beide in der 12. Klasse, feiern später mit, zuerst bieten sie einen Einblick in ihr Zeitensprünge - Projekt, dass sie gemeinsam mit dem Referendar Gordon Seiler erforschen. Im Schülercafe haben sie ihren Laptop aufgebaut. Sie wollen zeigen, wie weit sie schon sind. "Wir möchten einen richtig guten Dokumentarfilm machen über die Vergangenheit dieser Schule und die Anforderungen an die Schüler damals und heute." Ein spannendes Thema und die Reise in die Vergangenheit führt dieses Team zurück in die Zeit des Nationalsozialismus, der DDR und des Prager Frühlings. "Das Tolle ist, dass wir über das Schularchiv so viele Zeitzeugen finden können. Ehemalige Schüler. Ehemalige Lehrer. Ehemalige Direktoren."

  

Matthias Platzeck im Interview

 

Anja legt eine CD in den Laptop. "Interview mit Matthias Platzeck" erscheint auf dem Bildschirm, dann beginnt der Film. "Dieses Interview war total toll. Platzeck war hier früher Schüler und er hat erzählt, wie das so abgelaufen ist mit Regeln und Pflichten." Ein prominenter Zeitzeuge. Dass sie darauf stolz sein können, ist verständlich. "Es gab einen großen Zeitungsartikel über unser Interview mit dem Ministerpräsidenten und wir haben so super Feedback bekommen. Es melden sich immer noch Menschen bei uns, die auch etwas erzählen möchten oder mit Fotos oder anderen Materialien aus der damaligen Zeit dienen können" Lilly kümmert sich um diese vielen Anfragen, das macht ihr Spaß. Sie telefoniert gerne. Anja liebt das Filmen. Jetzt suchen sie noch Jugendliche, die mithelfen wollen bei allen anderen Dingen, die eben noch so anfallen werden, wenn man zu multimedialen Zeitenspringern wird... Filmen, Schneiden, Besprechen, Premiere vorbereiten, Einladungen schreiben. Aber das alles hat noch ein bisschen Zeit. Jetzt schließt das Schülercafe und die Abi-Party geht los. Vor ihren eigenen Augen werden Schüler zu Ehemaligen. Zu einem Stück Vergangenheit.

Was für ein historischer Tag in Brandenburg. Wir wünschen allen Projekten viel Erfolg beim Entdecken, Erforschen und Festhalten von spannenden Geschichten.


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