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Die Ulbersdorf-Methode

30.01.2006: Wo die meisten nur über leere Kassen jammern, da krempeln andere erst recht die Ärmel hoch. In einem kleinen Dorf in der Sächsischen Schweiz haben Jugendliche die dringend notwendige Sanierung eines Teichs in ihrem Heimatort selbst in Hand genommen, mit Unterstützung des Förderprogramms "jugend aktiv!" der Stiftung Demokratische Jugend.

(Text/Fotos: Henry Berndt)

Es muss irgendwann Anfang des 15.Jahrhunderts gewesen sein, als in einem kleinen Tal des Westlausitzer Berglandes die Rittergüter Oberulbersdorf und Niederulbersdorf entstanden. Hennich von Hermannsdorff zu Olbersdorf und seine Kameraden hatten die Gegend über viele Jahre hinweg geprägt und mit der Zeit entstand ein lang gestrecktes, idyllisches Quellreihendorf. Heute hat Ulbersdorf etwa 550 Einwohner und ist ein Ortsteil von Hohnstein, das seinen mittelalterlichen Charme bis heute bewahrt hat.

In Ulbersdorf gibt es ein Schloss, eine kleine Kirche, malerische Fachwerkhäuser und eine freiwillige Feuerwehr. Was ist es nicht gibt, ist Arbeit - auch nicht für Stefan Röhrup. Der 25-jährige Tischler, der in Ulbersdorf geboren ist, fährt deshalb jeden Montagmorgen um 3Uhr auf Montage nach Berg bei Nürnberg und kommt erst am Freitagabend zurück. "Ich hänge einfach an diesem Ort", sagt er. "Meine Familie und mein ganzer Freundeskreis sind hier."

Verrückte Ideen

  
 

Stefan Röhrup und René Herzog

Vielen Jugendlichen in Ulbersdorf geht es ähnlich. Sie sind mit Herz und Seele Ulbersdorfer und fühlen sich ihrem Dorf eng verbunden. Die meisten von ihnen sind Mitglied in der Freiwilligen Feuerwehr oder in einem der anderen neun Vereine im Dorf. Vor allem der Jugendclub "Baccardi", der in den 90er Jahren in jugendlicher Eigeninitiative aus einer alten Stallung entstanden ist, erfreut sich großer Beliebtheit. Über 50 Mitglieder zählt der Jugendclub heute. Hier finden die Ulbersdorfer Jugendlichen ihr Freizeitdomizil mit Musikanlage, Billardplatte und Fernsehraum. Und hier entstehen manchmal auch etwas verrückt anmutende Ideen, wie die von der Instandsetzung des "Kesselteiches".

  

Der Kesselteich vor Baubeginn

 

Tatsächlich spielt Wasser eine große Rolle für Ulbersdorf. Aus einer Quelle im so genannten "Kessel", einem lang gestreckten Waldgebiet am Rande des Dorfes, fließt es über ein System aus drei Teichen in den Dorfbach, darüber in den Sebnitzbach und von da aus schließlich in die Elbe. So sollte es zumindest sein. Doch vor allem der erste der Teiche, der Kesselteich, führte seit einigen Jahren ein trauriges Dasein. Den Großteil des Jahres stand er trocken, weil das Wasser unkontrolliert in die anderen Teiche weiter floss. Nur während der Schneeschmelze im Frühjahr wurde der Kesselteich zum wirklichen Teich und überschwemmte regelmäßig die darüber führende Brücke. Gefüllt mit Schlamm und umgeknickten Bäumen war er bis zum Sommer vergangenen Jahres ein wahrer Schandfleck und ein Dorn im Auge vieler Dorfbewohner. Auch der 20-jährige Daniel Schöne ärgerte sich schon lange über den Anblick, bis er am Ostersonntag 2005 beschloss: "Hier muss was geschehen".

Ein Teich wird wieder zum Teich

  
 

René Herzog, Miró Richter und Stefan Röhrup

Zusammen mit seinen Freunden aus dem Jugendclub trug er deshalb seine Idee zu einer Teichsanierung dem Ortschaftsrat vor, der daraufhin einen Antrag auf finanzielle Unterstützung nach Hohnstein schickte. Die Antwort kam schnell und war eindeutig: "Wir bekamen einen Brief, in dem uns erklärt wurde, dass die Kassen leer sind", sagt Ortsvorsteher Daniel Brade. "Eine komplette Teichsanierung kostet aber etwa 20.000 Euro. Das Projekt war damit eigentlich zum Scheitern verurteilt." Aber da waren ja noch die Ulbersdorfer Jugendlichen. Sie hielten an ihrem Plan fest und begannen nun in Eigenregie, den Teich wieder zum Teich zu machen. "Wir machen das hier nach der Ulbersdorf-Methode", sagt René Herzog, 29. "Während andere Dörfer ewig rumjammern und Anträge stellen, packen wir die Dinge selbst an." Die "Ulbersdorf-Methode" habe im Übrigen Tradition, die in die tiefste DDR-Zeit zurückreiche, in der das Dorf mehrfach Sieger beim "Mach-mit-Wettbewerb" wurde, erzählt er.

Aber so einen Teich wiederherzustellen kostet Geld, auch wenn man die meiste Arbeit selbst macht. Um die nötigen finanziellen Mittel für das Baumaterial zu erhalten, bewarb sich der Jugendclub deshalb bei der Stiftung Demokratische Jugend in Berlin, die sich schwerpunktmäßig mit Jugendförderung in den neuen Bundesländern beschäftigt. Im Rahmen des Förderprogramms "jugend aktiv!", das Jugendliche darin ermutigen möchte, selbst aktiv zu werden und eigene Ideen für die Verbesserung der Attraktivität ihres Lebensumfeldes zu entwickeln, wurde ihr Projekt daraufhin auch ausgewählt und mit 500 Euro gefördert.

  

Baubeginn am Kesselteich

 

Dem Startschuss stand somit nichts mehr im Wege. Am 14. Juli 2005 wurde dann das Projekt "Teichsanierung" offiziell gestartet. Ziel war zunächst, den Überfluss unter der Brücke zwischen den oberen Teichen im "Kessel" wieder instand zu setzen, um so den Wasserabfluss wieder kontrollieren zu können. Nach einigen erfolglosen Versuchen mit der "Schlammrute" mussten schließlich die Bagger anrücken. "Wir mussten die Brücke komplett abtragen, um uns ein Bild von der Lage darunter machen zu können", erklärt René.

  
 

Neue Mauer mit Überlauf

"Schnell merkten wir, dass man die alten Holzrohre nicht mehr gebrauchen konnte." So wurde mit jedem abgeschlossenen Arbeitsschritt am Teich neue erforderlich: Die Brücke musste zeitweise weichen, neue Rohre verlegt, erster Schlamm abgetragen und ein neuer Überlauf errichtet werden. Die 500 Euro aus dem Förderprogramm "jugend aktiv!" konnten gut gebraucht werden und wurden in etliches Werkzeug und eine neue Bodenplatte für die Brücke investiert.

Unterstützung mit der Schaufel

Je nach Möglichkeit zogen die Jugendlichen oft mehrmals in der Woche gemeinsam hinunter zum Teich, meist jedoch am Wochenende, dann konnte auch Tischler Stefan Röhrup dabei sein. Stefan ist der stellvertretende Leiter des Jugendclubs und hat das Teich-Projekt offiziell angemeldet. "Bis vor fünf, sechs Jahren hat mein Großvater die Quelle dort oben als Viehtränke genutzt und sie dabei immer sauber gehalten", erzählt er. "Seitdem es kein Vieh mehr gibt, hat sich dann niemand mehr um die Quelle gekümmert." Nach der Wende hatte das Dorf kein Geld um den ehemaligen Rittergutspark wieder zu einem Naherholungsgebiet zu machen, das seinen Namen auch verdient.

  

Ortsvorsteher Daniel Brade (links)

 

Auch wenn der Ortschaftsrat das aktuelle Projekt nicht finanziell unterstützen kann, helfen tut Ortsvorsteher Daniel Brade, dessen Großvater der letzte Bürgermeister des Dorfes vor der Eingemeindung war, dennoch, und zwar mit der Schaufel. Seine Gemeinde-Arbeit macht der 25-Jährige, der "hauptberuflich" Jura und Kommunikationswissenschaft in Dresden studiert, nebenbei. "Die Gemeinde unterstützt das Projekt inzwischen vorbehaltlos", sagt er. "Auch wenn wir am Anfang schon dachten, dass es praktisch ohne finanzielle Mittel ein bisschen verrückt ist."

Bagger oder Schubkarre?

  
 

Baggerarbeiten am Kesselteich

Die Planungen sahen zunächst vor, die Arbeiten am Teich bis Ende 2005 abzuschließen. Solange es die Witterung zuließ, wurde gegraben und montiert - noch Ende Oktober wurde aus dünnen Baumstämmen ein natürlicher Damm errichtet. "Wir wollten da keine Betonwand hinpflanzen", sagt René. "Schließlich soll das Ganze ja auch ein bisschen schön aussehen." Doch dann kam der erste Frost und die Jugendlichen mussten einsehen, dass der Zeitplan nicht einzuhalten war. "Ganz klar, wir haben das Projekt unterschätzt", sagt Stefan. "Der problematischste Teil kommt ja erst noch." Im Frühjahr wird zunächst die "Entschlammung" im Mittelpunkt der Aktivitäten stehen. Ca. 50 Kubikmeter Schlamm sollen ausgebaggert werden, wenn denn ein passender Bagger dafür zur Verfügung steht. Stefan gibt sich unerschrocken optimistisch: "Wir sind gerade dabei, uns einen Bagger zu besorgen. Wenn das nicht klappen sollte, dann bleibt immer noch die gute alte Methode mit Schubkarre und Schaufel."

Die meisten Dorfbewohner unterstützen das Engagement der Jugendlichen "Nur einige ältere Leute haben sich des Öfteren beschwert, weil sie die Brücke zeitweilig nicht passieren konnten", sagt Ortvorsteher Daniel Brade. "Die werden allerdings wohl mit die ersten sein, die sich im kommenden Sommer an den Ergebnissen des Projektes erfreuen können." Im Rahmen der Fertigstellung des Kesselteiches soll nämlich gleich noch ein "ordentlicher Wanderweg" entstehen. Am Ende werden also alle etwas vom jugendlichen Engagement in Sachen Ulbersdorfer "Kessel" haben: Die Dorfbewohner, der Ortschaftsrat, die Wandersleute und irgendwie auch Hennich von Hermannsdorff zu Olbersdorf, der seinen Rittergutspark in guten Händen wissen kann.


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