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Von feurigen Mädchen und kleinen Handspritzpumpen

17.11.2005: Eine Reportage über engagierte Jugendliche, eine Feuerwehr und einen Ort namens Dollenchen.

(Text: Jens Marquardt, Fotos: Cordula Mittelstädt)

Längst hat sich die Nacht wie ein undurchdringlicher Schleier über das Land gelegt, als wir nach langer Fahrt auf sich schier endlos durch die Brandenburger Landschaft schlängelnden Bundesstraßen einen kleinen Ort im Elbe-Elster Kreis erreichen: Dollenchen. Es ist kurz vor 19 Uhr, ein klarer Novemberabend und die ganze Gemeinde scheint bereits im Schlaf versunken zu sein. Ganz Dollenchen? Nein. Zaghaft betreten wir das ehemalige Schulgebäude des Ortes, um im nächsten Moment rund 15 quirlige und in ihre Arbeit vertiefte Kinder und Jugendliche der Gemeinde zu erblicken. Wir beobachten sie erstaunt dabei, wie sie neugierig und wissbegierig die Geschichte ihrer Feuerwehr erforschen und stellen fest, dass sie mit großem Interesse an die Sache herangehen. Angetan schauen wir dem illustren Treiben noch ein Weilchen zu.

  

Zeitenspringer aus Dollenchen

 

Projektleiterin Cordula Mittelstädt, die, unterstützt durch ihre Praktikantin Birgit und ihren Sohn Manuel die Jugendgruppe betreut und koordiniert, erklärt uns, was dieses muntere Treiben eigentlich zu bedeuten hat und warum man sich in Dollenchen überhaupt so intensiv mit der Geschichte der Freiwilligen Feuerwehr auseinandersetzt. Auf eine fast 100-jährige Tradition könne die Feuerwehr in Dollenchen nun schon zurückblicken, sagt sie, und doch weiß eigentlich keiner im Ort so recht, was in den ganzen Jahren alles passiert ist. Welche Einsätze gefahren wurden? Wie viele Mitglieder die Feuerwehr hatte? Welche Aufgaben sie bewältigen mussten? Und mit welchen Problemen sie zu kämpfen hatten? Fragen über Fragen, die zu klären und zu beantworten, sich die Jugendlichen zum Ziel gesetzt haben.

  
 

Dollenchener Zeitenspringer bei der Geschichtsarbeit

Nicht ohne Erfolg. Allein an diesem Tag haben sich die Jungen und Mädchen im Alter von 10 bis 18 Jahren bereits auf eine zweistündige Spurensuche begeben, und können nun mit so einigen erstaunlichen Ergebnissen aufwarten. Bereits jetzt, so Cordula Mittelstädt, könnten die sich dreimal die Woche treffenden und engagiert zu Werke gehenden Jungs und Mädels auf eine beachtliche Materialsammlung verweisen.

Wir wollen alles wissen!
"Wir, die 20 zukünftigen Kameradinnen und Kameraden der Einsatzabteilung unserer Freiwilligen Feuerwehr wollen alles wissen!", erklärt es die Projektgruppe in ihrem, als Postwurfsendung verpackten öffentlichen Aufruf an alle Gemeindemitglieder. Sie wollen so viel Informationsmaterial für ihr Projekt in Erfahrung bringen wie nur irgend möglich.

  

Mind-maping in Dollenchen

 

Ein ehrgeiziges Ziel, aber von Erfolg gekrönt. Denn in der Tat wurden bereits Unmengen von Daten zusammengetragen, Protokolle der Feuerwehrleitung herangezogen, historische Dokumente studiert, kreatives "mind-maping" betrieben und letztlich allerlei Wissen zur Geschichte der Freiwilligen Feuerwehr gesammelt und ausgewertet. So weiß man bereits jetzt von nicht nur viele interessante Details zu Personal, Organisation und Struktur der Freiwilligen Feuerwehr, sondern auch von manch illustrer Anekdote und von kuriosen Einsätzen zu berichten. 1923 zum Beispiel machten - laut Protokoll - "feurige Mädchen mit der kleinen Handspritzpumpe Bekanntschaft".

Doch wie soll’s jetzt eigentlich weitergehen? Von den zahlreichen anstehenden Aufgaben zur Realisierung ihres großen Projektes haben Cordula und ihre Truppe schon ganz konkrete Vorstellungen: Während die Kleinen voller Tatendrang einen Zeitstrahl zur Geschichte der Freiwilligen Feuerwehr entwickeln, planen die älteren Jugendlichen bereits Gespräche mit verschiedensten Zeitzeugen sowie dem Feuerwehr-Chronisten der Region, um den noch immer offenen Fragen endlich auf den Grund gehen zu können. Auf welche unglaublichen oder kuriosen Ereignisse die Jugendlichen bei ihrer Forschung noch stoßen werden, darf dabei mit Spannung erwartet werden.

Schule in Dollenchen, und dann?
  
 

Dollenchens Freiwillige Feuerwehr

276 Einwohner hat Dollenchen, das idyllische Dorf im Elbe Elster Kreis im Süden Brandenburgs zur Zeit noch. 94 von ihnen engagieren sich bei der Freiwilligen Feuerwehr: Darunter 20 Jugendliche, 21 aktive Frauen und 40 aktive Männer sowie 13 Engagierte in der "Alters- und Ehrenabteilung". Klar, dass sie somit eine ganz zentrale Rolle im gesellschaftlichen Leben der Dorfbewohner spielt. Doch was gibt es in Dollenchen eigentlich darüber hinaus? Wie stellen sich die Jugendlichen von heute, sprich die Erwachsenen von morgen ihr zukünftiges Leben eigentlich vor? Was sind ihre Perspektiven, Wünsche und ganz persönlichen Träume? Cordula Mittelstädt sieht diesen Fragen mit gemischten Gefühlen entgegen: "Wenn sie `ne Arbeit finden, bleiben sie", so ihr kurzes Fazit. Immerhin würden zur Zeit wieder leerstehende Wohnungen in der Ortschaft bezogen und selbst Berliner hätten sich inzwischen erfolgreich in die Ortsgemeinschaft zu integrieren gewusst. Für Manuel, Frau Mittelstädts Sohn, steht die Sache denn auch längst fest: "Ich bin hier aufgewachsen und das ist meine Heimat", gibt der 19jährige zu Protokoll, der sich gerade in der Ausbildung zum Erzieher befindet. Schließlich habe er darüber hinaus auch Freunde und Familie im Ort, die er auf keinen Fall verlassen möchte. Doch so sicher wie Manuel sind sich dieser Tage nur recht wenige Jugendliche. Einige wollen ins Ausland, andere möchten bleiben. Die eine zwingt der Berufswunsch in die Ferne, manch anderer wiederum hat noch einen Ausbildungsplatz in der Region ergattern können. Eine einhellige Meinung zu diesem schwierigen Thema gibt es natürlicherweise nicht.

Doch was all diese Jungen und Mädels aus Dollenchen eint, ist ihr unglaubliches Gemeinschaftsgefühl, dieser einzigartige Zusammenhalt und das freundschaftliche und herzliche Zusammenleben. Mit Engagement und Ehrgeiz, Tatendrang und Teamarbeit verfolgen die Jugendlichen denn letztlich auch ihr gemeinsames Projekt. Und damit nicht genug; aus diesem großartigen Jugendprojekt etwas noch viel weitreichenderes erwachsen zu lassen, ein kleines Museum nämlich, eine Art Ausstellung zu Historie und Wirken der Freiwilligen Feuerwehr, könnte mit dem beispiellosen Einsatz all dieser Jugendlichen vielleicht schon bald Wirklichkeit werden. Und so hoffnungsvoll verabschieden wir uns dann auch von der munteren Truppe aus Dollenchen, Und wer weiß, ob es in drei Jahren, zum 100jährigen Bestehen der Feuerwehr, nicht doch schon ein kleines Museum im Dachgeschoss der Schule gibt, ein Denkmal für diesen Ort und ein Ort der Erinnerung an die großen und kleinen Helden der Stadt.


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