Fünf Mädchen setzen "Lesezeichen"
21.12.2005: Von einem Schrank voller alter Bücher hin zu einer richtigen Stadtbibliothek
(Text/Fotos: Cornelia Lotthammer)
Früher, irgendwann mal, da gab es noch eine Bibliothek in Cösitz (Sachsen-Anhalt), dann wurde die Bibliothek geschlossen und es kam einmal die Woche ein Bücherbus. Dann wurde der Bücherbus kostenpflichtig und schließlich kam auch der kostenpflichtige Bücherbus nicht mehr.
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Lesehungrige Mädchen von "Lesezeichen" |
Der Lesehunger der Cösitzer war aber noch da. Das war im Januar 2005. Weil sie sich damit jedoch nicht abfinden wollten, gründeten fünf junge Mädchen die Initiative "Lesezeichen" mit dem Ziel, die Bibliothek des Ortes zu reaktivieren. "Erstmal war es nur eine Schnapsidee am Mittagstisch", berichtet Solveig Brandt, die Mutter eines der Mädchen, "aber dann hat das bald Formen angenommen". Mit den 500 Euro Anschubfinanzierung des Förderprogramms "jugend aktiv!" konnten sie beginnen. Die Mädchen säuberten, sichteten und sortierten einen Schrank voller alter Bücher, der von der ehemaligen Bibliothek übrig geblieben war. Dann sprachen sie mit dem Bürgermeister und der organisierte ein paar Regale. Sie entwarfen Handzettel, mit denen sie die Cösitzer um Bücherspenden baten, die auch reichlich kamen, und schließlich stiftete Klaus-Dieter Brandt einen alten PC, mit dem der ganze Bestand katalogisiert wurde.
"Für unsere Gruppe gab es zwei Beweggründe, warum wir uns für eine Bibliothek engagiert haben", erzählt Johanna Berg, eine der fünf "Lesezeichen", "erstens sollte es ein kostenfreies Angebot geben und zweitens sollte es in der Nähe sein, damit auch Kinder und ältere Leute die Möglichkeit haben, Bücher zu lesen." Die nächste Bibliothek ist nämlich 17 km weit entfernt. Zu weit für viele.
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Das Cösitzer Schloss |
Den Raum gegenüber des schönen Cösitzer Schlosses bekamen sie von der Gemeinde gestellt, er befindet sich über dem Jugendclub, wo die Mädchen sich sowieso schon seit Jahren immer treffen. Im September 2005 war Eröffnung mit einer mundartlichen Lesung aus den "Paschlewwer Jeschichten", die besonders bei den Älteren sehr gut ankamen, und nun ist die neue Bibliothek immer donnerstags von 17 - 18 Uhr geöffnet. Über 1000 Bücher gehören schon zum Bestand und pro Woche kommen bis zu 5 Besucher, die sich etwas ausleihen. Einen Mitgliedsausweis gibt es nicht, aber jeder, der ausleiht, muss seine Adresse hinterlassen und die Bücher nach drei Wochen zurückbringen. "Das Besondere ist", sagt Solveig Brandt, "dass die Mädchen das aus eigenem Antrieb gemacht haben. Da war kein Erwachsener, der gesagt hätte, nun macht mal!"
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Das Bibliothekshaus |
Teil des Konzeptes der Jugendinitiative ist es auch, einmal im Monat eine Lesung für die Cösitzer zu organisieren und so gab es bereits eine Harry Potter-Lesung und einen Weihnachtsmärchenabend. Die Mädchen sind sogar extra ins Buchdorf Mühlbeck-Friedersdorf gefahren, um sich dort Anregungen zu holen, wie man die Bücher präsentieren kann. Der MDR war ebenfalls in Cösitz und hat berichtet, aber vor allem versprochen, die Initiative dabei zu unterstützen, auch mal einen berühmten Schriftsteller nach Cösitz zu holen. Das wäre ein echtes Highlight für den Ort. Die Veranstaltungen sollen 2006 weitergehen und auch die Öffnungszeiten der Bibliothek sollen abgesichert werden. Gar nicht so einfach, denn die Mädchen werden älter und verlassen Cösitz bald, um zum Studium nach Halle und anderswohin zu gehen. Glücklicherweise konnten sie aber mit der Unterstützung der Netzwerkstelle Land.Leben.Kunst.Werk eine Anschlussförderung von Aktion Mensch bekommen, die das Projekt nun nachhaltig absichert. Ein toller Erfolg für die "Lesezeichen". Von dem Geld werden neue Bücher und Regale angeschafft und Autorenhonorare gezahlt. Die jüngeren Mädchen kümmern sich außerdem um den Nachwuchs, der die Bibliothek einmal betreuen soll, wenn die erste Lesezeichen-Generation flügge geworden ist.







