Die dunklen Jahre von Schwarzenpfost
23.06.2006: Gelbensander Zeitensprünge-Projekt stellt Buch vor
Text/Fotos: Marieke Sobiech (Schwerin)
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Stacheldraht: Lehrpfad im Wald |
Wer auf der B 105 zwischen Rostock und Ribnitz die erlaubten hundert Stundenkilometer fährt, übersieht schnell den unscheinbaren Pfeil, der auf den angrenzenden schmalen Waldweg weist. Bald alle hundert Meter führt nahe Gelbensande ein Pfad in den dichten Mischwald. Doch dieser eine mit dem Hinweisschild "Schwarzenpfost" gibt Wanderern nicht nur schöne Blicke auf die Rostocker Heide frei. Er führt zu einem der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte: Auf einer kleinen Lichtung stehen die Überreste des ehemaligen KZ-Außenlagers Schwarzenpfost.
Ein Schornstein mitten im Wald
Fast zehn Minuten streifen wir durch den Wald, unsicher, ob wir an der Stelle, die wir suchen, nicht schon unbemerkt vorbeigelaufen sind. Bis wir die erste Informationstafel entdecken, können wir kaum glauben, dass hier, umgeben vom Dickicht der Kiefern und Tannen, einst Produktionshallen und Wohnbaracken der Rostocker Heinkel-Werke standen. Doch ein backsteinerner, fast einen Meter hoher Sockel belehrt uns eines Besseren: Reste eines Schornsteins - mitten im Wald.
Flugzeugteile wurden seit 1943 in der ehemaligen Außenstelle des Konzentrationslagers Ravensbrück hergestellt - von 1.500 Zwangsarbeitern unterschiedlichster Herkunft. Um die KZ-Häftlinge, darunter Deutsche, Tschechen, Holländer und Russen, ersuchte das Heinkel-Unternehmen die SS ebenso wie um den Standort im Wald. Die Alliierten hatten zuvor das Rostocker Hauptwerk des Luftrüstungskonzerns zerbombt. Damit die neue Produktionsstätte für die Kriegsgegner "unsichtbar" war, baute man die Hallen um die Bäume herum - die Dächer blieben unter dem Schutz der Wipfel verborgen.
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Fotos der Opfer |
Von Kanada bis Tel Aviv
Fast verborgen wäre auch die Geschichte inmitten dieses 6.000 Hektar großen Waldgebiets geblieben, wenn nicht vor sieben Jahren die Regionale Schule Gelbensande unter Leitung ihrer Geschichtslehrerin Petra Klawitter ein Aufklärungsprojekt ins Leben gerufen hätte: die Historie des Gelbensander Lazaretts. Neben der Recherche in Archiven und den Gesprächen mit den wenigen noch lebenden Zeitzeugen, gestalteten die Schüler den nahe gelegenen Lazarettfriedhof um, erneuerten Grabsteine, errichteten eine Gedenkstätte. Während der Forschung und der Kontaktaufnahme zu bis nach Kanada und Tel Aviv emigrierten Opfern klärte die Projektgruppe die bis dato unbekannten Schicksale fünf polnischer Zwangsarbeiter auf.
So war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Schüler um Petra Klawitter auch der Historie des wenige Kilometer entfernten KZ-Außenlagers Schwarzenpfost näherten. Denn "Geschichte vor der Haustür zu entdecken, ist viel fesselnder als jedes Lehrbuch", meint die Pädagogin.
Das erlebten auch die 17-jährigen Schülerinnen Romina Ihde und Mareen Siewert. Einen halben Tag lang legten die beiden jungen Frauen auf dem Gelände des ehemaligen Außenlagers ein altes Tauchbecken frei, trugen 60 Jahre alten Schutt und Ziegel ab, förderten verrostete Rohre und Nägel zutage. "Selbst diese eigentlich so banalen Gegenstände hält man anders in der Hand, wenn man weiß, wofür sie damals verwendet wurden", erzählt Romina.
Gemeinsam mit dem Stadtforstamt Rostock und Strafgefangenen des offenen Vollzugs der JVA Waldeck befreiten die Nachwuchs-Archäologen die Überreste des Lagers von wilden Überwucherungen und morschen Baumstämmen und errichteten im April 2005 einen Lehrpfad. Neben Schautafeln, die von Schicksalen ehemaliger Häftlinge erzählen, mahnen jetzt selbst gefertigte Holzskulpturen und Bilder zur Erinnerung.
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Buchpremiere im Jagdschloss Gelbensande |
Lehrpfad statt Lehrbuch
Dass die Zeit des Nationalsozialismus anhand eigener historischer Entdeckungen vor Ort in einem anderen Licht erscheint, bestätigt Mareen: "Früher habe ich beim Thema 2. Weltkrieg immer nur Städte wie Berlin oder Dresden vor Augen gehabt: alles weit weg.
Es war nur schwer vorstellbar, dass sich solch erschreckende Ereignisse auch bei uns zu Hause zugetragen haben." Das Projekt habe sie "geschliffen", ihre Sicht auf die Menschen verändert, meint die Schülerin.
Mehr als 50 Gelbensander Jugendliche haben in den vergangenen Jahren Ähnliches erfahren, während sie die regionale Geschichte erforschten - und schrieben. Die Ergebnisse ihrer Arbeit sind jetzt in einem Buch von Petra Klawitter erschienen: "Die dunklen Jahre von Schwarzenpfost", darin Berichte der Grausamkeiten von Lagerwärtern, der Zwangsarbeiter-Schicksale von einst. Aber auch der Stolz von Schülern und Lehrern, mit ihren Projekten ein neues Bewusstsein bei Menschen aus der Umgebung sowie Entscheidungsträgern aus Wirtschaft und Politik geschaffen zu haben. Mit Hilfe von Privatpersonen, Sponsoren, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales und dem Programm "Zeitensprünge" der Stiftung Demokratische Jugend konnten nun in einer ersten Auflage 300 Exemplare gedruckt werden.
Auf der Jagd nach Geschichte
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"Die dunklen Jahre von Schwarzenpfost" |
Im Jagdschloss Gelbensande präsentierten die Jugendlichen und das Lehrerehepaar Petra und Holger Klawitter jetzt "ihr" Buch der Öffentlichkeit. Einzelne Kapitel wurden vorgetragen, die Schüler berichteten von kleinen und großen Steinen, erzählten von Zeitzeugen, die eigentlich keine sein wollten. Der kleine Saal des ehemals herzoglichen Hauses war voll, das Interesse an der limitierten Auflage groß. Der Regionale Partner der Stiftung Demokratische Jugend für das Zeitensprünge-Programm in Mecklenburg-Vorpommern Dirk Siebernik lobte die Unermüdlichkeit der Gelbensander und wies die langjährige Arbeit als ein "best practice-Modell" der Initiative aus.
Romina und Mareen lässt das Projekt nicht los, obwohl sie mittlerweile das Fachgymnasium in Rostock-Schmarl besuchen, arbeiten sie weiterhin in ihrer Freizeit mit. Und beweisen nicht nur während der Auseinandersetzung mit der vergangenen NS-Zeit Zivilcourage. Heute treten sie noch energischer auf, wenn Mitschüler "dumme Sprüche" zum Thema Nationalsozialismus machen. "Ich frage dann immer, ob sie schon jemals in Auschwitz waren", erzählt Romina, "das bringt die meisten zum Schweigen. Und hoffentlich auch zum Nachdenken", fügt sie hinzu.
| Petra Klawitter, Dr. Christine Gundlach, Frank Schröder
Die dunklen Jahre von Schwarzenpfost ISBN 3-89954-214-2 (neu: 978-3-89954-214-1) 10,00 Euro |







