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Ganz nah dran: Zeitenspringer bei der Arbeit!

05.11.2008: Teil 13: Ein Name, ein Haus, eine Adresse - Fünf Lobetaler Zeitenspringer erforschen ihre Stadt

(Text/Fotos: Simone Ahrend)

Es ist 14 Uhr an einem regnerischen Sommertag. Wir sind heute in Lobetal und haben eine Stunde Zeit, einen ganz besonderen Ort kennen zu lernen. Hier scheinen Straßenschilder und Hausnummern keine Rolle zu spielen, weil sowieso fast alle Häuser nach berühmten Personen oder biblischen Orten benannt sind. Wir treffen den 25jährigen Benno, Leiter der Zeitensprünge-Projektgruppe des Kunsthandwerker e.V. und die Fotografin Simone Ahrend die seit Jahren Geschichtsprojekte und Workshops mit Jugendlichen anbietet. Sie unterstützt die Jugendlichen bei der Umsetzung des Projekts.

  

In Lobetal erkunden die beiden mit Detlef Schmidt, Christopher Dehn, Jonathan Dahn und Erdmann Kunze, wer sich hinter den Häusernamen und -schildern verbirgt. Der junge Lobetaler Benno lebt hier seit seiner Geburt und es gibt wohl keine Person in diesem Ort, die er nicht kennt. Doch was fasziniert ihn, mit anderen Jugendlichen einen Zeitensprung zu wagen?

Dazu erzählt Benno: "Im Jahre 2004 habe ich mit Potsdamer Freunden in meinem Heimatdorf Lobetal gezeltet. Nach einem Spaziergang durch den Ort bemerkte ein Camper, dass die Heime und Straßennamen fast alle etwas mit der Bibel zu tun haben oder sich auf christliche Persönlichkeiten beziehen, wie zum Beispiel das Bonhoeffer-Haus, das Martin-Luther-Haus oder das Haus Nazareth. Diese Beobachtung inspirierte mich dazu, mein Dorf und seine Häuser zu dokumentieren." Mehrmals fotografiert Benno alle Namensschilder, sucht Bibelverse heraus, in denen diese Namen vorkommen oder sucht Zitate und Lieder heraus und stellt Persönlichkeiten und Werk gegenüber.

Benno ist gut vorbereitet, mit den Jugendlichen den Ort zu durchstreifen. Zu diesem Zweck verteilt er Kameras: "Ich wollte wissen, wie andere Leute fotografisch arbeiten, wie sie den Ort sehen, welche Motive sie finden. So beginnt er im April 2008 mit seinem Projekt. Einer der ersten Mitwirkenden war Jonathan Dahn. Er ist 18 Jahre alt. Sein Vater ist Gemeindepädagoge. Daher ist er mit vielen Bezügen des christlichen Glaubens vertraut. Er interessiert sich ebenfalls für Fotografie: "Durch die Unterstützung der Anderen lerne ich viel dazu. Außerdem interessiere ich mich für die Lobetaler Geschichte und deren Bezug zum zweiten Weltkrieg. In Interviews erzählen die alten Lobetaler darüber". Mit Detlef Schmidt ist ein über 55jähriger körperlich und geistig behinderter Bewohner des Martin Luther Hauses in die Gruppe gekommen. Er besitzt eine einfache Kamera und sagt: "Ich habe hier eine Aufgabe gefunden, die ich über das Projekt hinaus verfolgen möchte. Dieses Projekt gibt meinem Leben Inhalt."

Danach sitzen wir im Paul-Gerhardt-Haus zusammen, schauen uns Bilder an, trinken Kaffe und naschen selbstgebackene Kekse. Dabei fragt Benno: "Kann ich Euch eine Führung anbieten? Regenschirme habe ich für jeden. "Dieser Ort wurde 1905 von Pastor Friedrich v. Bodelschwingh quasi auf eine grüne Wiese gesetzt. In Lobetal ist der Sitz der Hoffnungstaler Anstalten, eine Institution der Diakonie" erklärt uns der Zeitenspringer. "Hier liegt das Haus Nazareth und dort das Haus Kapernaum, beides biblische Orte, und hier das Haus Horeb, benannt nach einem biblischen Berg. Die Postfrau weiß, wo das Paul-Gerhardt-Haus in der Bodelschwinghstraße liegt, auch ohne Straße und Hausnummer, scherzt Jonathan. Dann passieren wir das Denkmal für die im Dritten Reich deportierten Juden. Der damalige Anstaltsleiter, Pastor und Bürgermeister Lobetals, Paul Braune hat sich besonders gegen die Euthanasie gewandt und versucht, jüdische Menschen zu schützen. Er konnte allerdings nicht alle ihm anvertrauten Juden retten. Der Gedenkstein steht vor der Kirche auf der gegenü̈berliegenden Straßenseite und wurde im April 1997 eingeweiht. Er ist mit einer erklärenden Plakette versehen, um ihn herum sind auf Steinen Bronzetafeln mit den Namen der Opfer in den Boden eingelassen. Es nieselt immer noch.

Die Jugendlichen gehen beim Fotografieren dicht an die Inschriften heran, belichten die Objekte von verschiedenen Perspektiven. Auf dem Weg sehen wir ein Denkmal für die vier homosexuellen Lobetaler, die 1942 von der Gestapo abgeholt und 1943 in der sogenannten "Blutnacht von Plötzensee" in Berlin am Galgen hingerichtet wurden. Dieses Urteil war im Dritten Reich einmalig. Das Gedenken wurde von einem langjährigen Mitarbeiter Lobetals und einem Pastor vorangetrieben. Allerdings wird befürchtet, dass die Zeit für ein Gedenken dieser Art noch nicht reif ist. Dann stehen wir wieder vor dem Paul-Gerhardt-Haus und ziehen die Regenschirme zusammen und gehen in den Jugendraum in der Dachetage.

Dort liegen Bilder und Texte. Ein altes Foto zeigt Pastor Paul Gerhardt Braune, der über die Zeit des Nationalsozialismus die Anstalt leitete. Benno sagt abschließend. "Auch wenn Braune nicht verhindern konnte, dass zahlreiche jü̈dische Bewohner getötet wurden, so hat er doch viele Menschenleben gerettet". Diesen Gedanken wollen wir festhalten und in einer Ausstellung zeigen. Jonathan und Detlef fangen mit ihren Fotos Stimmungen ein, Benno und Erdmann finden in Archiven Zitate und gemeinsam arbeiten sie an der Darstellung der einzelnen Persönlichkeiten für eine Tafel oder eine Ausstellung. Über Pastor Braune wollen sie zusätzlich einen kurzen Lebenslauf verfassen.


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