"Bitte keine Schwarz-Weiß-Malerei!"
03.12.2009: Vielfalt in der Auseinandersetzung mit Geschichte prägt den 5. Jugendgeschichtstag in Mecklenburg-Vorpommern
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Schweriner Landtag |
Kein Wölkchen trübt den hellblauen Himmel über Schwerin, die Sonne spiegelt sich glitzernd im Wasser. Wenn nicht am Pfaffenteich eine Schnee-Rodelbahn aufgebaut wäre und es nicht überall in den festlich geschmückten Straßen nach Glühwein und Stollen duften würde, könnte der 2. Dezember 2009 glatt als Frühlingstag durchgehen.
Auch das Schweriner Schloss ist hergerichtet - allerdings nicht vorweihnachtlich, sondern in der bunten Vielfalt des traditionellen Jugendgeschichtstages. Bereits zum fünften Mal präsentieren hier 25 Jugendgruppen aus Mecklenburg-Vorpommern die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit. Und weil die Vorbereitungen für die Ausstellung auch einige Mühe mit sich gebracht haben, beginnt der Tag mit einer Stärkung. Im Museumscafé werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Projekte mit einem Buffet begrüßt, das Renate Holznagel, 1. Vizepräsidentin des Landtages, munter eröffnet. Sie ist froh darüber, dass so viele Jugendliche hier sind, für die Geschichte nicht von Gestern ist.
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Im Publikum: Manuela Schwesig und Thomas Heppener |
Eine Stunde später wird der Festsaal zum Kino umfunktioniert. Ohrenbetäubender Lärm kündigt den Kurzfilm "... und jetzt" an, eine atemberaubende Collage, die bedeutende Jahrestage der Deutschen aufgreift und sie mit den Grund- und Menschenrechten unterlegt. Der Film endet mit dem Jahr 1989 und fragt: Und jetzt? Im Publikum sitzen Jugendliche, die sich ebenfalls mit dieser Frage befasst haben. In diesem Jahr arbeiteten besonders viele Projekte zum Themenkomplex Friedliche Revolution, Mauerfall und Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Immer ging es dabei um die Auswirkungen auf ihren Heimatort. Fast alle Jugendlichen tragen die blauen Zeitensprünge-T-Shirts. Es ist ihr Tag, das wird nicht zuletzt deutlich, als Dirk Siebernik, Regionaler Koordinator des Jugendprogramms Zeitensprünge in Mecklenburg-Vorpommern, den ersten Applaus den Zeitenspringerinnen und Zeitenspringern widmet. Erst danach wird die Prominenz begrüßt.
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Manuela Schwesig mit Dirk Siebernik |
Die Sozialministerin des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, der Referatsleiter im Bundesinnenministerium Dr. Axel Lubinski, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Stiftung Demokratische Jugend, Thomas Heppener und der Regisseur des Films, Thierry Bruehl betreten die Bühne. Dr. Lubinski, studierter Historiker, lobt das Programm: "Zeitensprünge ist ein großartiges Projekt. Ich weiß, dass Geschichte immer wieder selbst entdeckt werden muss." Thomas Heppener nimmt den Faden auf, als er erklärt, warum die Stiftung das Programm fördert: "Wir haben in einer Zeit, in der die Abwanderung dramatische Ausmaße angenommen hat, nach einem Baustein gesucht, der für junge Leute eine Verbindung zu ihrer Heimat schaffen kann." Das gelänge mit dem Programm jedes Jahr aufs Neue. "Bleibt weiter neugierig", fordert Heppener die Jugendlichen auf.
Dann ist Manuela Schwesig aufgefordert, ihre Eindrücke vom Jugendgeschichtstag zu schildern. Gespannte Stille. "Ich ärgere mich oft, wenn es heißt, junge Leute hätten keinen Bock. Ich bedanke mich ganz herzlich bei den Jugendlichen, die gerade für den Osten, für Mecklenburg-Vorpommern beweisen: Es gibt hier nicht die doofen, faulen Jugendlichen - das Gegenteil ist der Fall!" Tosender Beifall für die junge Ministerin. Aber sie ist noch nicht fertig. Die Frage nach der Form der Aufarbeitung - Nostalgie oder barsche Kritik - im 20. Jahr des Mauerfalls steht noch zur Debatte. "Ich hatte eine glückliche Kindheit in der DDR", fängt sie an. "Aber deshalb war nicht alles gut. Das Leben ist nicht schwarz-weiß." Manuela Schwesig fordert dazu auf, sich an Positives zu erinnern, aber schlechte Dinge nicht zu vergessen. "Vor allem sollten wir aus der Geschichte lernen und die heutigen Bedingungen verbessern", sagt sie.
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Dr. Axel Lubinski und Thomas Heppener |
Thomas Heppener unterstützt diesen Appell. "Wichtig ist, dass junge Leute heute selbstbewusst agieren, sich für Vielfalt und Solidarität einsetzen", sagt er. Und Dr. Axel Lubinski ergänzt: "Durch die Projektarbeit und die Gespräche mit Zeitzeugen erhalten die Jugendlichen den Schlüssel, um sich zu fragen: Wo ist mein Platz in der Gesellschaft, wo und wie kann ich gestalten?"
Hier mischt sich Thierry Bruehl ein. Er findet das Programm gut, keine Frage. "Aber an den deutschen Haupt- und Realschulen gibt es mittlerweile nur noch eine Stunde Geschichte pro Woche, außerdem hört Geschichte 1945 auf", sagt er warnend. "Was tun wir also dafür, dass das Vermächtnis von 1989 weiterhin vermittelt wird? Unsere Verantwortung ist da - und wir müssen sie mit Inhalten füllen!" Applaus, Nachdenken. Dirk Siebernik fängt die Verantwortung sofort auf, indem er ankündigt: "Unser Beitrag? Zeitensprünge geht auch 2010 weiter!" Dann kündigt er den Messerundgang mit dem Ministerpräsidenten des Landes, Erwin Sellering, und das anschließende Gespräch in der Historischen Bibliothek des Schweriner Schlosses an. "Löchert ihn", empfiehlt Manuela Schwesig lachend, bevor sie sich verabschiedet, "er ist ziemlich cool!" Sie hofft, die Zeitenspringer im nächsten wiederzusehen. Den Jugendlichen geht es nach dem erfrischenden Auftritt der Ministerin ähnlich.
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Sellering beim Projekt der Evangelischen Schule Hagenow |
Vor allem, weil Schirmherr Erwin Sellering wirklich so cool ist, wie Manueal Schwesig es versprochen hat. Viel Zeit nimmt er sich, um ein Projekt nach dem anderen zu besuchen. 25 Gruppen präsentieren rings um die breit angelegte Wendeltreppe ihre Forschungsergebnisse zur Jugend in der DDR, Antisemitismus zu Zeiten des Dritten Reiches und heute, jüdischem Leben in der Region oder Zwangsarbeit in Mecklenburg-Vorpommern. Das Programm kennt er bereits aus den vergangenen Jahren, in denen er als Minister an den Jugendgeschichtstagen teilgenommen hat. Trotzdem beeindruckt ihn immer wieder, "was die Auseinandersetzung mit den Jugendlichen im Projekt angestellt hat - das ist fast wichtiger als das Projektergebnis."
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Tradition in der Bibliothek |
Sellering hat es sich mittlerweile gemeinsam mit den Zeitenspringern, mit Thierry Bruehl und mit dem Ehrengast des Jugendgeschichtstags, der Autorin und Fotografin Edith Rimkus-Beseler, so gut es eben geht auf dem Teppichboden der Historischen Bibliothek gemütlich gemacht. Diese Gespräche auf Augenhöhe gehören zur wohl gepflegten Tradition der Jugendgeschichtstage im Schweriner Schloss. Und auch in diesem Jahr bewegen sie den Ministerpräsidenten dazu, ganz persönliche Erinnerungen mit den Jugendlichen zu teilen. Der aus dem Westen stammende Sellering jedenfalls gibt zu, dass er gar nicht mehr so genau weiß, wie er den 9. November 1989 erlebt hat. "Ich hab mittlerweile so viele Fernsehbilder im Kopf, dass ich nicht sagen kann, was davon eigenes Erleben ist." So ein Gespräch im Schneidersitz erdet eben, selbst wenn man gar nicht abgehoben hat.
Denn Sellering ist mittlerweile Mecklenburger im Geiste und im Herzen. Er wirbt für das Land und sagt, es sei das Schönste von allen. Der vor Jahren ausgelöste Trend der Abwanderung müsse gestoppt werden. "Wir müssen umdenken und sagen: Kommt alle her, wir brauchen euch!" Und fügt hinzu: "Fachkräfte muss man allerdings auch ordentlich bezahlen. Für unseren guten Ruf müssen wir selbst sorgen!" Nicken, Zustimmung, offene Gesichter.
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Dank an die Gesprächsrunde |
Nicht nur die Gesprächsrunde ist ein voller Erfolg. Der gesamte Tag im Schweriner Schloss gehört zu solchen, die allen Beteiligten gern in Erinnerung bleiben. Edith Rimkus-Beseler bringt am Ende auf den Punkt, was der Jugendgeschichtstag geleistet hat: "Es ist der Wunsch eines jeden Menschen, wahrgenommen zu werden. Es geht nicht nur ums Arbeiten, man muss auch Anerkennung erhalten."






