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Ganz nah dran: Zeitenspringer bei der Arbeit

09.05.2007: Teil 2: Zeitreise durch die Prignitz

(Text/Fotos: Brigitta Hafiz)

  
 

Auf der Suche nach Antworten auf die offenen Fragen

Die erste Station auf einer Reise durch das nordwestliche Brandenburg führt nach Pritzwalk. Hier gibt es den Jugendclub Pritzwalk. Eine Gruppe Jugendlicher zwischen zehn und 14 Jahren haben sich zu einem Zeitenspringer-Team zusammengetan. Sie möchten gerne mehr über die so genannten Russlanddeutschen erfahren. Mit Hilfe des Vereins Connect e.V., der sich um Spätaussiedler kümmert,konnte der Jugendclub schon nach wenigen Wochen Projektarbeit Kontakt zu Zeitzeugen knüpfen. Wie schon die Zeitenspringer aus Brandenburg an der Havel, haben auch hier die ersten Zeitzeugengespräche Eindruck hinterlassen. "Unglaublich, was die Spätaussiedler alles durchgemacht haben. Und immer sind sie Außenseiter gewesen. Die Alten freuten sich sehr, reden zu können - manchmal in einem altmodischen Deutsch, oft auch gebrochen und häufig ging es auf Russisch dann doch besser." So beschreibt eine der Zeitenspringerinnen ihr erstes Treffen mit Wolhyniern, eher bekannt als Russlanddeutsche oder Spätaussiedler. Von ihnen erfuhren sie viel über die oftmals leidvolle Odyssee der Deutschen und ihrer Nachfahren, die im 19. Jahrhundert nach Russland auswanderten, dort unter Stalin entrechtet und nach Sibirien umgesiedelt wurden. Ein Großteil verließ in den 1930er und 1940er Jahren die einstige Wahlheimat, andere konnten erst nach 1990 nach Deutschland kommen.

Die fünf Zeitenspringer planen jetzt einen Film über die Wolhynier in der Prignitz. Dazu wollen sie noch mehr Zeitzeugen befragen und sich über die historischen Hintergründe im Umsiedlermuseum in Linstow informieren. Zum Abschluss werden sie ein "Mehr-Generationen-Wochenende" unter dem Motto "Wohnen nach alter Tradition" im Umsiedlermuseum Linstow veranstalten. "Wir hoffen stark, dann auch mit jüngeren Wolhynier-Nachfahren ins Gespräch zu kommen", sagt die Projektleiterin Elke Krüger.

Ein Schild - ein Name - ein Leben

  

Die Zeitenspringerinnen aus Wittenberge

 

Es ist sonnig und die Projektreise führt weiter durch die gelben Rapsfelder der Prignitz. Kaum vorstellbar, dass hier, nämlich in Wittenberge, auch mal Industrie gewesen sein soll... Drei Zeitenspringerinnen vom Marie-Curie-Gymnasium erklären uns kurz darauf auf dem Stadtplan die Entstehung und Entwicklung der Stadt Wittenberge und des Hafens an der Elbe. Und ganz schnell sind sie bei ihrem Projekt-Thema: Straßennamen. Im Geschichtsunterricht haben sie begonnen, sich mit den Straßennamen in ihrer Heimatstadt zu befassen. Jetzt beschäftigen sich die drei 18jährigen in ihrer Freizeit mit Personen der Stadtgeschichte. Der Anfang war nicht ganz einfach: Im Internet konnten sie nur wenig finden und die Akten im Stadtarchiv waren selbst für Nancys Oma kaum zu entziffern. "Doch irgendwann wurde uns bewusst, dass das Forschen ein Prozess ist." sagt Kristin. Franziska und Nancy stimmen ihr lachend zu. Und zum Glück können sie auch den Stadthistoriker Herrn Muchow fragen.

Mittlerweile haben sie viele Informationen und Hinweise über den ehemaligen Bürgermeister von Wittenberge, Paul Nedwig, den Arzt, Ernst Gebauer, und den ehemaligen Stadtverordnetenvorsteher, Emil Karl Heinz Wiglow, gefunden. Nach Abschluss ihrer Recherchen, möchten sie diese Informationen der Bürgerschaft und den Gästen der Stadt Wittenberge zugänglich machen. Dazu werden sie Hinweisschilder entwerfen, um die Straßenschilder zu ergänzen. Momentan arbeiten sie an einem Prototyp für ein solches Schild, mit dem sie dann in der Stadt für ihr Projekt werben wollen. Vielleicht können sie dabei auch gleich lokale Kontakte knüpfen, die ihnen für ihr zukünftiges Berufsleben nützlich sein werden. Denn darin sind sich Nancy, Franziska und Kristin einig: nach dem Studium wollen sie nach Wittenberge zurückkehren.

Kultur statt Verfall

  
 

Zeitzeugengespräch im Schweinestall

Die letzte Station ist Klein Leppin, ein idyllisch gelegenes Dorf, dessen Zentrum keine Kirche, sondern ein ehemaliger Schweinestall ist. Vor dem Stallgebäude sitzen sieben Zeitenspringer und Frau Edith K., 71 Jahre alt. Sie ist Zeitzeugin und erzählt von ihrer früheren Arbeit in eben diesem Schweinestall. Sie war 15 Jahre mit einer Kollegin für die 120 Schweine in Klein Leppin verantwortlich. Füttern und Stall ausmisten, das waren die Haupttätigkeiten. Bruno, Tim, Lea, Marie und Nele erfahren, dass die Schweine Rüben und Schrot gefressen haben. Das Futter brachte die Kleinbahn, welche von den Einheimischen nur liebevoll "Pollo" genannt wurde.

"Und das Schloss? Wie groß war es?" fragt Bruno. "Ja wie soll ich das beschreiben, zweistöckig war es. Es war ja kein Schloss, sondern das Gutshaus" sagt Frau K. und sie zeigt rüber zum Schlossbaum, dem letzten Überbleibsel. Man fühlt sich um viele Jahrzehnte zurückversetzt. Frau K. erzählt von ihrer Ankunft als ostpreußisches Flüchtlingskind in Klein Leppin und von der harten körperlichen Arbeit, von der auch die Kinder nicht ausgenommen waren. "Das war keine Kinderzeit für Kinder" sagt sie weiter. Sie spricht auch über das Zusammenleben der russischen Soldaten mit den Dorfbewohnern nach Kriegsende 1945, über die Ausgrenzung der Flüchtlinge, über die Kollektivierung in der Landwirtschaft und der Gründung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG), zu der der Schweinestall dann seit Ende der 1950 Jahre gehörte. "Zwei sind dann wieder aus der LPG ausgetreten. Dafür wurden sie ins Zuchthaus gesteckt. Als sie zurück kamen, waren sie nicht mehr dieselben..." erinnert sich Frau K. und schweigt.

Ein Blick in den Stall zeigt, dass die 70 Dorfbewohner schon lange an der Verwandlung des Stalls zu einer Festhalle arbeiten. Tische und Stühle laden zum Verweilen ein. Es ist viel Platz zum Tanzen. Mit dem Zeitzeugengespräch sind viele neue Fragen entstanden. Die Jugendlichen, alle zwischen 9 und 17 Jahre alt , werden viele davon in den nächsten Wochen klären. Ziel ist es, einen Kulturpfad zu errichten und durch kleine Tafeln auf Besonderheiten des Dorfes und seine Geschichte aufmerksam zu machen.

Eine Zeitreise in Brandenburg geht zu Ende. Wir wünschen allen Projekten viel Erfolg beim Entdecken, Erforschen und Festhalten von spannenden Geschichten.


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