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Teil 4 der jugend aktiv! - Serie: Heimkinder aus Reichenow - Schluss mit dem Tabu!

15.02.2007: Kinder, die in einem Heim leben, müssen sich oft gegen Vorurteile und Beleidigungen wehren. Sie sind anders als andere - meinen oft die, die als kleine Familie glücklich in ihren eigenen vier Wänden wohnen. Dabei sind Heimkinder doch genauso wie alle anderen auch - man muss sie nur mal kennen lernen anstatt sie anzustarren. Mit Unterstützung des Förderprogramms "jugend aktiv!" realisierte eine Mädchentheatergruppe aus Brandenburg ihr Vorhaben, mit einem Theaterstück dem Tabu Heimkind ein Ende zu setzen. Und den Mädchen ist es gelungen, einen Anstoß zu geben. Die Aufführung waren ein voller Erfolg.

(Text: Kerstin Müller / Katharina Mews)

Der Künstlerhof "Gut Reichenow" liegt etwa 50 Kilometer nordöstlich von Berlin im Landkreis Märkisch Oderland in Brandenburg. Hier bieten Werkstätten, Studios und Ateliers seit der Gründung des Hofs im Jahr 2000 Raum für kreative Projekte und kulturelle Aktivitäten. Das Interesse ist groß, besonders unter den Jugendlichen. Es gibt für sie vor Ort kaum Freizeitangebote und die Busse fahren so selten, dass es schwer ist, in eine andere Stadt zu gelangen.

Theater auf dem Dorf

  

Vor fünf Jahren wurde eine Mädchentheatergruppe auf dem "Gut Reichenow" gegründet. Regelmäßig kommen die Jugendlichen seitdem auf den Künstlerhof. Hier haben sie einen eigenen Platz gefunden, an dem sie sich treffen und proben können. Die jungen Schauspielerinnen wollen so oft wie möglich und an den verschiedensten Orten auftreten, um die Jugendlichen ihrer Region kreativ anzuregen. "Es gibt sehr wenig interessante Veranstaltungen für Jugendliche im Landkreis Märkisch-Oder-Land. Ein paar wenige Kinos und eher unattraktive Discoveranstaltungen in Stadthallen", erzählt die Projektleiterin Anja Häusser. Die engagierten Mädchen aus Reichenow und Umgebung wissen aber, wie wichtig kulturelle Veranstaltungen gerade für ländlich geprägte Gegenden sind. Sie spielen Theater, damit die Menschen ihrer Region einen Begegnungspunkt haben und gemeinsam etwas erleben. Sie wünschen sich, "dass Familien nachmittags ins Theater gehen anstatt zu Hause vor dem Fernseher zu sitzen und dass alte Menschen, die in den Dörfern sehr vereinsamen, im Theater wieder lachen können und Kontakt zu Menschen bekommen." Mit der Unterstützung der Künstler des "Guts Reichenow" realisierte die Mädchengruppe bereits verschiedene Inszenierungen. Nun wurde ein neues Projekt in Angriff genommen!

Typisch Heimkind

  

Zusammen mit ihrer Betreuerin, der Theaterpädagogin Anja Häusser, machten sich die Mädchen Gedanken über ihr nächstes Stück. Zur Inspiration lasen sie verschiedene Kinderbücher. Besonders "Das war der Hirbel" von Peter Härtling ließ sie nicht mehr los. Faszinierend fanden sie die Geschichte von dem kleinen als schwer erziehbar geltenden Jungen Hirbel. Das Thema Heimkind stand auf einmal im Raum und beeindruckte alle. Die Jugendlichen lasen das Buch zuende und besuchten ein Kinderheim in ihrem Nachbarort Bollersdorf. Sie lernten die dort lebenden Kinder mit all ihren Wünschen und Ängsten kennen. Wie ist es, als Heimkind aufzuwachsen? Wie lebt es sich im Heim? Womit werden die Kinder konfrontiert? Sie erfuhren von all den Vorurteilen und der Angst der Kinder, dass jemand erfährt, dass sie im Heim wohnen. Emotional berührt beschloss die Mädchentheatergruppe, eine Aufführung mit dem Titel "Typisch Heimkind" zu erarbeiten. Das Bühnenstück sollte den Alltag von Kindern in einem Kinderheim darstellen. "Das war der Hirbel" diente dabei als Grundlage. Mit eigenen Ideen setzten die Mädchen noch zusätzliche Akzente und langsam entwickelte sich ein packendes Theaterstück. Es sollte zum Nachdenken anregen und Vorteile beseitigen. "Heimkinder sollen nicht mehr stigmatisiert und abgestempelt werden in den Dörfern, sondern Kontakt zu anderen Jugendlichen bekommen", erzählt eine der jungen Schauspielerinnen.

Die Premiere

  

Nach harter Arbeit und vielen Proben rückte der Tag der ersten Aufführung immer näher. Im Vorfeld wurde kräftig die Werbetrommel gerührt und Postkarten versendet, Plakate geklebt und Einladungen geschrieben. Während der gesamten Zeit standen ihnen die Künstler vor Ort mit Rat und Tat zur Seite. Finanzielle Unterstützung erhielten die Mädchen durch das Förderprogramm "jugend aktiv!". Die Zusammenarbeit, besonders mit den Helfern hinter den Kulissen, führte das Projekt "Typisch Heimkind" zu einem erfolgreichen Ergebnis. Jung und alt wurden in die Theatervorführung gelockt. Aber die wichtigsten Zuschauer der Mädchengruppe kamen aus dem Kinderheim des Nachbardorfs. "Wir luden die Kinder zu unserer Premiere auf Gut Reichenow ein, sie bekamen die Ehrenplätze in der ersten Reihe." Die Premiere war ein voller Erfolg. Auch die Frau des Bürgermeisters verfolgte gespannt die Aufführung. Erfreut stellten die Mädchen fest, dass sie selbst Heimleiterin ist und zusammen mit den Heimkindern gekommen war. Die jungen Schauspielerinnen erhielten von ihr ein großes Lob und das Versprechen, jede Unterstützung zu bekommen, die sie benötigten. Die Frau des Bürgermeisters war begeistert und betonte, wie wichtig es ist, dass die Jugendlichen diese Theaterarbeit machen.

Selbstbewusste Heimkinder

  

Am stärksten lagen der Mädchentheatergruppe die Heimkinder aus Bollersdorf am Herz. Die Botschaft kam an. Die Kinder fühlten sich durch das Stück verstanden und traten mit neuem Selbstbewusstsein den Rückweg in ihren Ort an. Am deutlichsten wurde dies, als die Mädchen wenige Tage später erfuhren, dass sich die Kinder am Strand von Reichenow stolz mit dem Satz "Hallo, wir sind die Heimkinder aus Bollersdorf" vorstellten.

  

Die Mädchentheatergruppe ist zufrieden. Ihr Anliegen wurde aufgenommen und das Selbstbewusstsein der Hauptakteure des wahren Lebens gestärkt. Die Mädchen haben erreicht, was sie wollten: "Wir sind besonders stolz darauf, dass wir die Zuschauer so berührt haben."



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