Ein Landtag voller Geschichte...
24.11.2008: Mehr als 220 Zeitenspringer beim vierten Sächsischen Jugendgeschichtstag in Dresden
Text: Daniel Krellmann, FSJ´ler in der Sächsischen Jugendstiftung
Fotos: Steffen Giersch
Wir schreiben den 21. November 2008. Im Radio wird seit Tagen verkündet, dass uns heute der Winter erreichen wird. In der sächsischen Landeshauptstadt beherrschen die Wolken den Himmel. Das Quecksilber pendelt sich während des Tagesverlaufes zwischen fünf und null Grad, bei fallender Tendenz, ein. In einem Gebäude aber, sind alle Heizungen aufgedreht, die Lichter eingeschaltet und die kühle Winterstimmung vom bunten Treiben ausgeschlossen: der Sächsische Landtag. Denn hier wird heute bereits das vierte Mal zum sächsischen Jugendgeschichtstag geladen.
Der gemeinsamen Einladung der Sächsischen Jugendstiftung und des Sächsischen Landtags folgen an diesem Novembertag mehr als 220 Gäste, darunter etwa 180 jugendliche Teilenhmerinnen und Teilnehmer des Jugendprogramms Zeitensprünge der Stiftung Demokratische Jugend. Aus ganz Sachsen sind insgesamt 25 Projektgruppen angereist, um ihre lokalhistorischen Forschungsprojekte abzuschließen und ihre Ergebnisse vorzustellen. Wie schon in den drei Jahren zuvor, bietet ein großer Projektmarkt den Zeitensprünge - Projekten die Möglichkeit, ihre erstellten Dokumentationen, Broschüren, Filme und Projektergebnisse der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Das Bürgerfoyer des Sächsischen Landtages hat sich eigens dafür in eine kleine Messehalle verwandelt. Links und rechts sind bunte Stände aufgebaut, welche mit Wandzeitungen, Modellen von Bauwerken sowie Schriftstücken Gäste anlocken. Von überall hört man Gespräche oder Tonbandaufzeichnungen, Jahreszahlen fliegen durch den Raum, Wissen wird ausgetauscht. Man könnte sagen, es hat sich ein Tauschmarkt gebildet. Nur werden hier keine Waren getauscht, hier wird mit Regionalgeschichte gehandelt.
25 Projekte sind dieses Jahr vertreten. Diese haben über Monate hinweg geforscht, um ihrer Region ein Stück Geschichte abzugewinnen, regionaler Geschichte ein Gesicht zu geben. Oft reichte es hierzu aber nicht mehr aus, in Büchern oder Archiven herum zu stöbern. Daher erwiesen sich Zeitzeugen als die ergiebigsten Quellen für eine solche Recherche. Für manche Projekte waren diese sogar so unabdingbar, dass sie ihre Zeitzeugen gleich zur Präsentation mitgebracht haben.
Die Vielfalt an Themen, welche auf dem Projektmarkt angeboten wurde, war überwältigend. Jugendträume der Nachtkriegsjugend, Schicksale verschollener russischer Soldaten oder die Situation von Sinti und Roma in Leipzig zur Zeit des Dritten Reiches beispielsweise bedienen den Zeitraum der NS-Diktatur und ihre Folgen. Der Alltag in der DDR wurde durch Projekte wie "Politisch gelenkter Fussball zur Zeit der DDR in Leipzig" und "Untergegangenes Land DDR, Jugendliche auf Entdeckungsreise mit dem Mikrofon" zum Thema der Spurensuche. Aber auch Themen aus dem Alltag fanden Interesse wie die Geschichte des Projekt- und Erlebnisgutes "Volksgut" Riesa Göhlis oder die des Jugendtreffs in Brand-Erbisdorf. Viele dieser Informationen werden im Geschichtsunterricht nie eine Rolle gespielt haben. Dennoch sind sie für die forschenden Teams gegenständlicher und bedeutsam, da sich diese Geschichten einmal in ihrer unmittelbaren Umgebung abgespielt haben.
Der Tag bestand allerdings nicht nur aus dem Projektmarkt. Um 14 Uhr wurde die Veranstaltung offiziell von der Vizepräsidentin des Sächsischen Landtages Regina Schulz im Plenarsaal eröffnet. Einige Minuten vorher begann ein Gitarrist eingängige Balladen zu spielen, um die Teilnehmer ohne Worte sondern aus eigener Neugier in den Saal zu locken. Für viele der Jugendlichen war es das erste Mal, an diesem eindrucksvollen Ort zu sein und umso aufregender war es nun für sie, auf einem jener Stühle Platz zu nehmen, welcher sonst unseren Politikern vorbehalten ist.
In ihrer Rede lobte Regina Schulz vor allem das Engagement der Teilnehmer und die Kreativität in der Verarbeitung ihrer Recherchen. Mit dieser Veranstaltung unterstreicht sie ihre Absicht vom letzten Jahr, den Jugendgeschichtstag zu einer festen Tradition zu machen. "Das Lehrbuch allein kann das nicht leisten, was eigenes Forschen und Recherchieren an Erkenntnissen und Erfahrungen zu Tage fördert", betonte sie.
An die Eröffnungsrede der Landtagsvizepräsidentin schloss sich ein Begrüßungstalk an, dermit hochkarätigen Gästen der sächsischen Legislative sowie Heike Thomas, Programmberaterin in der Stiftung Demokratische Jugend, bestückt war. Dies bot den Zeitenspringerteams die Gelegenheit, Fragen an die Politiker zu stellen, mit dem großen Luxus, in selbiger Minute auch eine Antwort zu erhalten. Diese Möglichkeit wurde so ausgiebig genutzt, dass der Zeitplan sogar überschritten wurde, damit auch jede einzelne Frage möglichst hinreichend beantwortet werden konnte. Und auch hier fand das Engagement der Zeitenspringerteams große Anerkennung. Rita Henke von der CDU-Fraktion, die selbst seit vielen Jahren Schulpolitik betreibt, gab den Jugendlichen die Erkenntnis mit auf den Weg, dass man Zukunft nur dann gestalten kann, wenn man Vergangenheit und Gegenwart kennt und versteht. Heike Thomas betonte den Mehrwert des Jugendprogramms Zeitensprünge für Träger der Jugendarbeit: "Mit Zeitensprünge gelingt es unserer Stiftung ganz besonders, fruchtbare Kooperationen zwischen freien Trägern der Jugendarbeit und Trägern von Bildungseinrichtungen zu fördern. Jugendgeschichtsarbeit hat sich als ein hervorragendes Instrument herauskristallisiert und wir freuen uns, 2009 bereits in die sechste Förderrunde von Zeitensprünge zu gehen."
Neu war in diesem Jahr, dass alle Zeitenspringerteams im Plenarsaal die Möglichkeit hatten, sich und ihr Projekt noch einmal kurz vor allen anderen vorzustellen. Das wirkte, wie erwartet, positiv, da die Neugier auf verschiedene Projekte geweckt wurde und man, selbst ohne dass man sich die Projektstände alle angesehen hat, einen Blick auf die Gesichter erlangen konnte und noch einmal die Vielfalt dieses Tages vor Augen geführt bekam.
Um die kulturelle Unterhaltung an diesem doch sehr fachlichen Tag nicht zu kurz kommen zu lassen, haben sich die Veranstalter etwas Besonderes überlegt. Das Zeitenspringerteam aus Pirna forschte zum Thema Jugendträume nach dem Krieg und heute. In Form eines dreiaktigen Theaterstücks "My Way…" präsentierten sie ihre Ergebnisse. Der erste Akt spielte im Jahr 1948 und gab die Situation der Jugend kurz nach dem Krieg wieder. Hierfür wurden vier Zeitzeugen befragt und die erlangten Erkenntnisse schauspielerisch wiedergegeben. Der zweite Akt spielte in der Gegenwart. Die vielseitigen Möglichkeiten der heutigen Jugend, wie sie uns allen bekannt sind, wurden mit hohem Wiedererkennungswert präsentiert. Im dritten Akt warfen die Schauspieler einen Blick auf das Jahr 2048. Hier erinnert gar nichts mehr an die Probleme der vorherigen Generationen. Möglichkeiten und Probleme ändern sich eben wie die Zeit.
Bevor sich die letzten Gruppen in Plenarsaal vorstellten, lud die sächsische Sozialministerin Christine Ursula Clauß ebenfalls noch einmal zum Gespräch. Fragen die in der ersten Runde offen geblieben waren, konnten hier noch einmal aufgegriffen werden und Frau Clauß gab sich sichtlich Mühe den Wünschen der Fragenden gerecht zu werden.
Der Platz vor dem Sächsischen Landtag ist eingeschneit. Das Quecksilber hat sich doch noch den Weg unterhalb der Null gebahnt. Es ist kalt. Aber knapp 230 Leute hatten einen warmen Tag. Denn sie alle haben etwas gelernt, haben ihre Neugier für etwas wecken können oder einfach nur einen gelungenen Tag erlebt, der Vierte Sächsische Jugendgeschichtstag. Und was wärmt mehr als ein sinnvoll genutzter Tag?
| Vormerken: Am 9. November 2009 veranstaltet die Stiftung Demokratische Jugend anlässlich des 20-jährigen Gedenkens an den Mauerfall, den ersten länderübergreifenden ostdeutschen Jugendgeschichtstag im Deutschen Historischen Museum in Berlin |







