Zwischen Menschenliebe und Eigeninteresse
29.01.2010: Fachtagung der AG 8 des BBE mit und in der Friedrich-Ebert-Stiftung befasst sich mit Funktionen, Ausprägungen und Potenzialen des bürgerschaftlichen Engagements im Demografischen Wandel
|
Neuland-Geschäftsmodell |
Rattam, rattam, rattam. Gleichmäßig ruckelt der Zug über die Gleise. Die Aussicht ist düster. Brache, so weit das Auge reicht. Bauruinen, deren dunkle, leere Fenster in das weite Land starren. Ihr Schicksal heißt schlicht Rückbau, Baracke um Baracke verschwindet, aber im Computermodell sieht es fast ein wenig aus, als würde Ostdeutschland in die "Unendliche Geschichte" versetzt, in der das Nichts unaufhaltsam um sich greift und jede Kreatur aus Phantasien tilgt.
Ökonomischer Verwertungszyklus
Die Dramaturgie des Films "Neuland" hat es in sich. Und birgt nach der traurigen Bilanz milliardenschwerer Fehlinvestitionen wahre Schätze. Denn plötzlich geht es um Möglichkeitsräume, die das Nichts am Ende des ökonomischen Verwertungszyklus’ den Menschen hinterlassen hat. Das Publikum sieht ehrliche Bilder der Selbstorganisation: Gestaltungsversuche nach einer Schocktransformation. Ob das nun Schneckenfarmen oder Ökodörfer, regionale Währungseinheiten oder Identitätsgemeinschaften von Hartz-IV-Empfängern sind. Der Film wirft damit keine neuen Fragen auf, er bietet auch keine Patentrezepte. Aber er spiegelt eindrucksvoll den Demografischen Wandel in ausgewählten Regionen der neuen Bundesländer. Das Kunststück besteht darin, dass er nicht zu einer Vorführung bereits allzu oft gezeigter Best-Practice-Beispiele gerät, sondern den kreativen, mutigen Aufbruch zeigt - der auch im Scheitern enden kann.
Die Filmemacher Daniel Kunle und Holger Lauinger stehen dem Tagungspublikum routiniert Rede und Antwort. In 250 ost- und westdeutschen Städten haben sie ihren Film, der "mit viel Herz und Dispo" entstanden ist, bereits präsentiert.
![]() |
Im Saal der Berliner Friedrich-Ebert-Stiftung wird er als Inspiration für eine Tagung dankbar aufgenommen, die sich auch mit dem Demografischen Wandel befasst, vor allem aber beantworten soll, ob bürgerschaftliches Engagement unter diesen Bedingungen zur Lebenseinstellung werden kann und soll. "Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun - wir sind auch für das verantwortlich, was wir nicht tun", zitierte Dagmar Vogt-Janssen, Sprecherin der AG 8 des BBE, Molière und fasst damit das Anliegen der Fachtagung zusammen.
Lobbyarbeit oder Gemeinwohl?
Was bürgerschaftliches Engagement im Vergleich zum althergebrachten Ehrenamt ist, hatten zuvor schon Dr. Albrecht Göschel, Vorsitzender des Forums Gemeinschaftliches Wohnen Bundesvereinigung, und Bettina König, Vorsitzende des Vereins fairwork festgestellt. Ein "nüchterner Funktionär" sei er, behauptete Göschel von sich. Die Mitglieder seines Vereins hingegen würden sich aus einem privaten Interesse heraus, nämlich für die Verbesserung ihrer Lebenssituation, für das Gemeinwohl engagieren und damit den Sozialstaat entlasten. Und das sei eine Lebenseinstellung. Bei fairwork, der Interessenvertretung für die "Generation Praktikum" dagegen handele es sich eher um Lobbyarbeit, meinte Göschel. Wirklich?
|
Publikum in der FES |
Die Gründerin und ehemals selbst Betroffene widerspricht. "Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der die Arbeitskraft junger Menschen ausgebeutet und die Sozialsysteme um Beiträge betrogen werden?", fragt Bettina König. Das Engagement gegen solche Entwicklungen sei sehr wohl von allgemeinem Interesse. Dass junge Leute heutzutage seltener zu Formen des klassischen Engagements fänden, liege wohl eher daran, dass sie vor lauter Druck und Anforderungen, die Schule und Erwerbsleben an sie stellten, keine Zeit dafür finden. Deutlich wird in dem Gespräch vor allem eins: Der Demografische Wandel ist kein abstraktes Zahlenspiel, sondern er ist in der Realität angekommen. Er ist spürbar und lässt sich nur gestalten, wenn jede und jeder eine gewisse Lebenseinstellung mitbringt. Und das ist keine Frage des Alters.
An diesen Gedanken schließt auch der 2. Tag an. Prof. Dr. Thomas Olk, Vorsitzender des Sprecherrats des BBE, erläutert die Eckpunkte des Demografischen Wandels. Es ist der Segen eines ausgedehnteren Lebensabschnitts im Anschluss an die Erwerbsphase, kombiniert mit dem statistischen Wert von 1,36 Kindern pro Frau, der die ehemals hübsch anzuschauende und den Sozialsystemen genehme Bevölkerungspyramide zu einem verunglückten Tannenbaum hat verwachsen lassen. Soweit bekannt. In der Folge - und dies wird schon weit seltener so auf den Punkt gebracht - werden intergenerationelle Beziehungen immer weniger selbstverständlich. Generationensolidarität ziele nur "nach oben", in Richtung der Eltern. Der Prozess, so stellt Prof. Olk fest, sei bis zum Jahr 2030 irreversibel und könne kurzfristig nur mit Hilfe von Zuwanderung aufgefangen werden. Der Aspekt "Bunter" kommt ins Spiel.
Trisektorale Vernetzung
Weil Zahl und Struktur der Bevölkerung sich grundsätzlich verändern werden, kann die kommunale Infrastruktur ohne die Mitwirkung zivilgesellschaftlicher Kräfte weder aufrecht erhalten noch weiterentwickelt werden. Olk fordert deshalb die Verbesserung der individuellen Bedingungen für Engagement und die Ermöglichung bürgerschaftlichen Engagements für alle Alters- und Bevölkerungsgruppen. Vor allem aber betont er, wie wichtig die trisektorale Vernetzung - die abgestimmte Aufgabenteilung zwischen kommunaler Verwaltung, Wirtschaft und zivilgesellschaftlichen Akteuren - künftig werden wird. Eine Frage der Einstellung auch dies, vor allem, wenn es darum geht, welche Aufgaben bürgerschaftliches Engagement auffangen kann. Denn wo hört ein identitätsstiftender Wert, freiwillig etwas für sich und das Gemeinwohl zu tun, auf und wo fängt die "Ausfallhilfe" für den überforderten Sozialstaat an?
|
Arbeit im "World Café" |
Im anschließenden World Café haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausreichend Gelegenheit, sich diesen Fragestellungen zu widmen. Drei mal dreißig Minuten sollen sie an drei Tischen zu den drei Themenbereichen "Weniger", "Älter" und "Bunter" Thesen entwickeln. Die Gastgeberinnen und Gastgeber der einzelnen Tische moderieren und schreiben fleißig mit. Nach so viel fachlichem Input laufen die Gespräche gut, die Zeit reicht kaum, um die Ideen ausreichend zu besprechen. Nach der Mittagspause präsentieren die Gastgeberinnen die Ergebnisse vor dem Plenum.
Heidemarie Rubart, Leiterin der Koordinierungsstelle "Perspektiven für junge Menschen", spricht für die jungen Wenigen. Was bedeutet es für Kinder und Jugendliche, "im Schatten der Älteren" zu leben? "Vor allem große Ambivalenz", erklärt sie. Jugendliche befänden sich in einem Spannungsfeld, das sie zu etwas Exklusivem macht und gleichzeitig Druck produziere. Jüngere spürten die Angst der Älteren, später nicht ausreichend versorgt zu werden, zusätzlich müssten sie einen hohen Leistungsdruck durch die Anforderungen der Arbeitswelt aushalten.
"Dazu kommt, dass junge Leute ihre eigene Situation oft als perspektivlos in Bezug auf eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft und auf den Wohlstand empfinden. Deshalb brauchen wir mehr Phantasie und Offenheit für gemeinsame Räume des Engagements und andererseits eine klare Berücksichtigung der Bedürfnisse junger Menschen. Das zu leisten, darin liegt die Verantwortung der Älteren", so Heidemarie Rubart.
|
Heidemarie Rubart |
Als Herausforderung identifiziert die stellvertretende Sprecherin der AG 8 des BBE jugendgerechte Zugänge und Partizipationsmöglichkeiten, um jungen Leuten Selbstwirksam-keitserfahrungen zu ermöglichen. Beispielsweise eine Art "Generations-Mainstreaming" analog zum Gender Mainstreaming, das vor allem auf kommunaler Ebene seit Jahren erfolgreich zum Einsatz kommt. "Letzendlich geht es uns um ein dialogisches Miteinander", betont Heidemarie Rubart. "Wir müssen uns unsere Offenheit bewahren und Stereotype überwinden, damit aus dem Demografischen Wandel kein Generationenkonflikt erwächst", sagt sie.
Neues Altersbild gefordert
Dagmar Vogt-Janssen spricht im Anschluss für die Älteren, die, so sagt sie, "Mittler zwischen den Generationen sein können, weil sie über wichtige Ressourcen verfügen: Lebenserfahrung und Zeit". Ältere könnten einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten, ihr Engagement stützt das solidarische Handeln und beugt gleichzeitig der Isolation vor. Dafür benötigten die Älteren jedoch transparente Angebotsstrukturen. Außerdem müsste die Gesellschaft eine Anerkennungskultur entwickeln und gleichzeitig ein neues Altersbild berücksichtigen. "Bürgerschaftliches Engagement sollte zur moralischen Selbstverpflichtung werden", sagt Dagmar Vogt-Janssen.
|
Meltem Baskaya auf dem Podium |
Als Potenzial und Herausforderung sieht auch die Gruppe "Bunter" das Bürgerschaftliche Engagement. "Es kann das Selbstbewusstsein der Migrantinnen und Migranten stärken und ihnen selbst Ressourcen aufzeigen", erklärt Meltem Baskaya. Allerdings erscheine die Realität des Bürgerschaftlichen Engagements oftmals zu "hochtrabend": Mitgliedschaften in Vereinen oder Ämtergänge seien Hürden, über die Brücken gebaut werden müssten.
Die Ergebnisse können sich sehen lassen - binnen weniger Stunden haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer komplexe Debatten darüber geführt, ob dem Demografischen Wandel eher Potenzial oder düsteres Szenario innewohnt, wo bürgerschaftliches Engagement anfängt, aufhört und was danach kommt und wie sich die einzelnen Aspekte aus der Perspektive der jeweils Betroffenen darstellen. Breiter Konsens herrscht am Ende darüber, dass alle Beteiligten - Junge, Ältere und Migrantinnen und Migranten - mit ihrem Engagement "gesellschaftlichen Kitt" produzieren und diesen Wert nur weitergeben können, wenn alle miteinander ins Gespräch kommen bzw. im Gespräch bleiben.
Wie wollen wir leben?
|
Prof. Christiane Dienel, Prof. Thomas Olk, Dr. Harald Michel und Cordula Tutt |
Das unterstützen auch Prof. Dr. Christiane Dienel (Fachhochschule Magdeburg-Stendal), Dr. Harald Michel (Institut für angewandte Demografie) und Prof. Dr. Thomas Olk in der Abschlussdiskussion. Fraglich bleibt jedoch, inwieweit das Bürgerschaftliche Engagement Lücken, die der Demografische Wandel reißt, füllen kann. "Das Bürgerschaftliche Engagement wird die Verödung ländlicher Räume nicht abfedern. Die Situation ist keine Chance", glaubt Dr. Michel und fordert damit Widerspruch heraus: Christiane Dienel beschreibt sogleich ihre Vision von der Kraft des Bürgerschaftlichen Engagements im sozialen, gesundheitlichen oder sogar Bildungssektor in den ländlichen Gebieten. "Denkbar sind neue Mobilitätsstrukturen in Form von Gemeinschaftstaxen, kommunalen Dienstleistungszentren, in denen die Menschen Zuspruch, Beratung und Unterstützung vorfinden", führt sie an. Dagmar Vogt-Janssen nickt: "Die Kommunen müssen die Entwicklungen begleiten und erkennen, wie wichtig bürgerschaftliches Engagement ist". Weitere Akteure werden in die Verantwortung genommen: "Ort der Veränderung muss die Schule sein", meint Heidemarie Rubart. Sie müsse sich öffnen für Kooperationen, für Jugendarbeit und Dritte in ihren Räumen.
Am Ende, darin sind sich die Fachleute des Forums einig, geht es um die Frage eines erfüllten Lebens und die Rahmenbedingungen, die es jetzt auszuhandeln gelte. "Daran sind wir alle beteiligt", stellt Prof. Olk fest. Bürgerschaftliches Engagement als Lebenseinstellung im Demografischen Wandel ist fassbar geworden auf dieser Fachtagung. Ein gutes Ergebnis, mit dem jetzt weitergearbeitet werden kann.
Weiterführende Informationen:Arbeitsgruppe 8 "Demografischer Wandel"
Der demografische Wandel stellt eine große Herausforderung für unsere Gesellschaft und die Sozialsysteme dar, das bürgerschaftliche Engagement gewinnt hierbei an besonderer Bedeutung. Die Arbeitsgruppe "Demografischer Wandel" hat es sich zum Ziel gesetzt, die Auswirkungen des demografischen Wandels für das bürgerschaftliche Engagement in seiner ganzen Breite in den Blick zu nehmen und anhand bestehender Erfahrungen Handlungsstrategien für die unterschiedlichen Akteure und Felder im Bereich des bürgerschaftlichen Engagements zu entwickeln. www.b-b-e.de Neuland
Werden wir verschiedene Gesellschaften in unterschiedlichen Räumen haben? Im September 2004 sorgte die Infragestellung der "Notwendigkeit gleichwertiger Lebensverhältnisse in allen Regionen Deutschlands" durch den Bundespräsidenten Horst Köhler für einen kurzen Aufruhr in den Medien des Landes. Nachhaltig aber sind die Probleme, mit denen sich heute zahlreiche Regionen konfrontiert sehen. De- oder Hyperindustrialisierung sind verantwortlich für eine hohe flächendeckende Arbeitslosigkeit. Die Kommunen sind aussichtslos verschuldet. Zunehmend können Infrastrukturleistungen nicht mehr aufrecht erhalten werden. Den disparaten Regionen laufen die Menschen davon. Wenn aber "Gleichwertigkeit" nicht mehr garantiert wird, könnte dann aus dem "Schattenreich der Globalisierung" nicht auch ein "Neuland" für Experimente, Lebens- und Arbeitsweisen jenseits bzw. parallel der aktuellen Vergesellschaftung entstehen? Neuland ist ein Reisebericht durch die ostdeutsche Transformationslandschaft. Die Verdichtung von Realitätsfragmenten unterschiedlicher Akteure, von Pionieren und ihren Projekten regt an, Neuland zu denken. www.neuland-denken.de |








