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Sieger des 7. landesweiten Freistil-Jugendengagementwettbewerbs wurden gekürt
08.03.2010 | Informationen der Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis e.V. über die Preisverleihung (Meldungen) [mehr]

Der Hof der jungen Menschen

Eindrücke vom Ostdeutschen Jugendgeschichtstag am 8. und 9. November im Deutschen Historischen Museum

  

Präsentation im Schlüterhof

 

Pappfiguren werden aufgerichtet, wie Schießbudenfiguren demonstrieren die stummen Gesellen, was ihre realen Vorbilder vor 20 Jahren lautstark skandierten. Schilder mit den Aufschriften wie "Reisefreiheit" oder "Wir sind das Volk" sind ihnen auf den Leib geklebt worden. Lederne Reisekoffer werden in Position gebracht, sie präsentieren stolz ihr Inneres: Reisepässe, Urkunden, Fotos - persönliche Zeugen der Vergangenheit. Auf einer Kleiderstange hängen geblümte Kittelschürzen und Uniformen, ein paar Meter weiter trägt eine Kleiderpuppe ein blaues Hemd, das rote Tuch ist zu einem perfekten Knoten gebunden. Umzugskartons sind zu einer riesigen Mauer aufgetürmt worden, auf die ein himmelblauer Trabant gezeichnet wurde, der sie durchbricht. Fast trotzig wirkt nur wenige Schritte weiter das Transparent mit dem Emblem der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, kurz SED. Zwei türkisstrahlende Kirchtürme leuchten über der Szenerie. Zwischen den Requisiten laufen Jungen und Mädchen über den empfindlichen Kalkstein.

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Der Schlüterhof ist in Bewegung. Das leuchtende Rot der Ausstellung "20 Jahre Mauerfall - Geschichte und Geschichten" dominiert den erwürdigen Ort. Und dann bewegt sich die Drehtür am Haupteingang des Deutschen Historischen Museums, Punkt 10 Uhr strömt ein Gast nach dem anderen in das Haus. Es ist der 8. November 2009.

  
 

Johannes Zerger, Christine Clauß, Heidemarie Rubart, Prof. Dr. Hans Ottomeyer

Im Zeughauskino warten bereits Prof. Dr. Hans Ottomeyer, Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum, und Johannes Zerger, Geschäftsführer der Stiftung Demokratische Jugend. Beide werden in wenigen Minuten eine Veranstaltung eröffnen, die für alle Beteiligten ein ganz besonderes Ereignis in einem ganz besonderen Jahr ist. Seit Monaten liefen die Vorbereitungen, wurden Übernachtungen kalkuliert und Fahrtrouten berechnet, Projekte ausgewählt und Programmpunkte aufeinander abgestimmt. Jetzt scheint es, als lief alles auf den einen Moment zu, in dem Hans Ottomeyer im voll besetzten Zeughauskino vor das Mikro tritt. "Wir versuchen, lebendig zu machen, was die Menschen bewegt hat", sagt er und beschreibt damit das Anliegen des Deutschen Historischen Museums und das der ausstellenden Projekte gleichermaßen. Die Jugendlichen forderte er zu "fortgesetzter Neugier" auf - ein Ansporn, den die meisten Anwesenden, Teilnehmende am Jugendprogramm Zeitensprünge, seit Monaten, oft seit Jahren gewissenhaft und mit viel Ehrgeiz umsetzen.

Das Jugendprogramm, im Jahr 2003 im Rahmen einer Bundesförderung erstmalig umgesetzt, ermuntert jedes Jahr Jugendliche in den neuen Ländern und Berlin, Regionalgeschichte zu entdecken und aufzubereiten. Die Jugendlichen, die nun ihre Projekte im Schlüterhof vorstellen, stehen exemplarisch für 11.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die in den letzten Jahren im Sinne des Programms "neugierig" gewesen sind.

  

Christine Clauß und Johannes Zerger

 

Aber nicht nur Neugier spielt hier eine Rolle. Stolz sind sie vor allem, zwei Tage lang Tausenden Gästen ihre Projektergebnisse vorstellen zu dürfen. Zu den ersten staunenden Besuchern gehören Johannes Zerger und Heidemarie Rubart, die Leiterin der Koordinierungsstelle "Perspektiven für junge Menschen" in der Stiftung Demokratische Jugend, die gemeinsam mit Christine Clauß, der Sozialministerin des Landes Sachsen, die Projektmesse eröffnen. An jedem Stand ergeben sich Fragen, so vielfältig sind die Exponate. Hier und da müssen sie richtig anpacken, an einem Stand sitzen sich Johannes Zerger und Christine Clauß beim kräftezehrenden Versuch gegenüber, eine winzige Mauer umzupusten.

Immer mehr Menschen strömen in den Schlüterhof. Kein Wunder, im Eingangsbereich des Deutschen Historischen Museums verteilen Helferinnen und Helfer den Programmflyer an alle, die durch die Drehtür kommen. Sogar draußen, Unter den Linden, verteilen Jugendliche in ihren Kostümen Werbezettel für den Ostdeutschen Jugendgeschichtstag - mit Erfolg.

  
 

Bürger Lars Dietrich mit Publikum

Lesungen mit Autoren wie Bürger Lars Dietrich und Talkrunden mit Zeitzeugen wie Markus Meckel, Dr. Christoph Links, Reinhard Lakomy, Wolfgang Thierse und Dr. Lothar de Maizière sind Publikumsmagnete. Kamerateams mischen sich unter die Besucher, immer wieder blitzen die Lichter der Fotografen auf. Bis zum frühen Abend hält die Aufregung an, zwischen Programmpunkten und der Ausstellung wird schließlich auch noch gewählt: Die Gäste entscheiden darüber, welches Projekt sich am ansprechendsten präsentiert hat. Keine leichte Wahl, viele DHM-Besucher möchten mehr Kreuze vergeben, als sie dürfen. Die Ausstellung kommt an. Punkt 18 Uhr jedoch ist Schluss, über dem Schlüterhof liegt eine fast gespenstische Ruhe. Für ein paar Stunden erstarren die Kulissen in der Dunkelheit.

Am nächsten Morgen, dem 9. November, erscheint das Treiben noch gewichtiger als am Tag zuvor. Ganz Berlin ist auf den Beinen, dass es seit Stunden regnet, trübt die Stimmung nicht im Geringsten. Im DHM wird bereits fleißig gezählt - die Gewinner des Publikumspreises müssen ermittelt werden.

  

Reporterinnen während der Lesung

 

Neue Gesichter mischen sich unter die Jugendlichen im Schlüterhof, es sind Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projekts "Reporter ’89". Mehr als 50 Schülerinnen, Schüler, Studierende und Auszubildende hatten im Verlauf des Jahres 2009 - ausgerüstet mit Hintergrundinformationen, Diktiergerät und Themenkatalog - Gespräche mit Verwandten, Bekannten oder Personen der Zeitgeschichte geführt und die Aussagen zu Texten verarbeitet, die auf der Projekthomepage veröffentlicht wurden. Heute endet die Chronik, die sie mit ihren Beiträgen über die Friedliche Revolution und den Mauerfall geschrieben haben. Dafür proben bereits fünf Reporterinnen auf der Bühne, in wenigen Minuten werden sie in einer szenischen Lesung die Stimmung des Jahres 1989 in das Zeughauskino zurückholen. Um halb 11 geht es los. Die Mädchen nehmen die Mikrofone in die Hand, die Sätze, die sie vortragen, rühren und entsetzen. Sie spiegeln die Erfahrung der Jugendlichen, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt, sondern dass sich Geschichte aus vielen kleinen Geschichten zusammensetzt, die in ihren Aussagen deutlich voneinander abweichen können.

  
 

Josefa Kny und Mimoza Troni

Kurz darauf erhalten Josefa Kny (21), Mimoza Troni (21) und Olivia Sardinas (19) Auszeichnungen für ihre Beiträge. Ein Praktikum in der MDR-Redaktion "Damals im Osten" ist der Lohn für ihr Engagement. Der Bundestagsabgeordnete Michael Kretschmer gratuliert, er verliest das Grußwort des Innenministers Thomas de Maizière, der in diesem Moment an einem Gedenkgottesdienst in der Gethsemanekirche teilnimmt. Wieder Blitzlicht, Fotos, Hände schütteln.

Das Zeughauskino leert sich nur kurz für eine kleine Atempause, der Montag ist der Tag der Auszeichnungen. Dr. Hermann Kues, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist soeben eingetroffen. Er überreicht am Mittag die Publikumspreise, 1.993 Wahlzettel wurden dafür ausgezählt. Als es losgeht, ist das Zeughauskino bis auf den letzten Platz besetzt, vor allem die Jugendlichen der 31 Projekte wollen wissen, ob ihre Präsentation ausreichend viele Stimmen bekommen hat.

  

Dr. Hermann Kues im Gespräch mit Jugendlichen

 

Den dritten Platz belegt das Görlitzer Projekt "Herzen und Hände der Wende", das sich mit der Rolle der Solidarnosc-Bewegung in Polen auseinandergesetzt hatte. Es gibt viel Applaus, ein Scheck wird überreicht, Fotografen drücken auf die Auslöser. Den 2. Preis nehmen die Jugendlichen vom Da-Vinci-Campus Nauen entgegen. Ihre Projektergebnisse sind in ein Theaterstück eingeflossen, bereits am Sonntag hatten die Teilnehmer im Schlüterhof kleine Szenen dargeboten. Über den 1. Platz und 300 Euro freuen sich schließlich die Jugendlichen des Berliner Zeitensprünge-Projekts "Zille-Kiez im Ohr" und "Vermisste Nachbarn".

  
 

Alle Preisträger mit Dr. Kues

Im Anschluss an die Preisverleihung strömt das Publikum zurück in den Schlüterhof, Dr. Hermann Kues lässt es sich nicht nehmen, sich ein eigenes Bild von den Präsentationen der ausgezeichneten Projekte zu machen. Die Jugendlichen drängeln sich an seiner Seite, alle wollen von ihren Forschungen berichten, jeder steckt dem Staatssekretär Informationsmaterialien zu. Aber schon drängt die Zeit - Dr. Joachim Gauck ist da. Im Zeughauskino sind sie Gäste einer Talkrunde, die sich mit dem Thema Vermittlung und Bewertung von DDR-Geschichte befasst. Fast parallel zu diesem Programmpunkt startet in einem anderen Trakt des Gebäudes schon die nächste Lesung.

  

Dr. Hermann Kues und Dr. Joachim Gauck

 

Bis zum Nachmittag geht es so weiter, Opposition, Kunst, Staatssicherheit, Kindheitserfahrungen - die DDR ist auf dem Ostdeutschen Jugendgeschichtstag mehr als Geschichte. Die Zeitzeugen bereichern mit ihren persönlichen Erfahrungen das Bild, das die junge Generation sich erarbeitet hat, ohne selbst Teil des Systems gewesen zu sein. Die Vielfalt der Perspektiven prägt die gesamte Veranstaltung.

Als es dunkel wird, beginnen die ersten Jugendlichen zaghaft mit dem Abbau. Immer noch kommen Gäste, immer noch finden Lesungen und Talkrunden statt. Immer noch interessieren sich Menschen für die Geschichten der Zeitenspringer. Aber es hilft nichts - die Busse in Richtung Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen stehen bereit. Einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden erst gegen 22 Uhr wieder zu Hause sein.

  
 

Teilnehmerinnen

Die Kirchtürme werden abmontiert, Kostüme zusammengelegt, Kartons gefaltet, Wasserspender, Sessel, Tische hinausgetragen - binnen weniger Stunden ist der Schlüterhof seltsam leer, so, als würde etwas fehlen.

Draußen regnet es nach wie vor. Stunden später, als die Türen des Deutschen Historischen Museums längst geschlossen sind, versammeln sich neben Tausenden Bürgerinnen und Bürgern Bundeskanzlerin Angela Merkel, Mitglieder des Kabinetts und des Deutschen Bundestages, Zeitzeugen wie Michail Gorbatschow oder Hans-Dietrich Genscher am Brandenburger Tor. Gegen 21 Uhr fallen in Gedenken an den Fall der Mauer vor 20 Jahren die ersten der mehr als 1.000 Dominosteine zwischen dem Potsdamer Platz und dem Brandenburger Tor - einer davon trägt den Titel "Ostdeutscher Jugendgeschichtstag". Ein ganz besonderer Tag geht mit einem besonderen Symbol zu Ende.


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