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Die Wissenschaftler von morgen..

06.12.2007: Dritter Jugendgeschichtstag in Thüringen

(Text/Fotos: Henryk Balko / Elisabeth Kirchner)

  
 

Der Landtag mal anders: Geschichte bestimmt die Tagesordnung

Eigentlich sitzen im Plenarsaal des Thüringer Landtags Abgeordnete, die als Volksvertreter Tag für Tag Geschichtsstoff liefern. Geschichte lebt aber von den Historikern, die sie entdecken und für die Nachwelt aufarbeiten und schließlich niederschreiben. So freute sich Landtagspräsidentin Dagmar Schipanski an diesem Tag, zur Abwechslung mal vor ganz besonderen Gästen zu sprechen: Vor jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. "Es ist ermutigend, wie leidenschaftlich sich junge Menschen in den Zeitensprünge - Projekten mit dem Guten und dem Schlechten der Vergangenheit auseinandergesetzt haben", erklärte die Landtagspräsidentin in ihrer Lobesrede an die rund 150 jungen Zeitenspringer und weiteren 80 Gäste. Es sei eine wichtige Leistung für die Gesellschaft, Geschichte objektiv aufzuarbeiten und im Hier und Jetzt zu spiegeln, so die Landtagspräsidentin und Schirmherrin des Thüringer Jugendgeschichtstags. Es gehe nicht nur um Fakten, Geschichte sei in den Projekten auch mit dem Herz fühlbar geworden.

  

Im Mittelpunkt an diesem Tag: Junge Menschen

 

Auf den Spuren vergessener Helden stießen Jugendliche des Music College Erfurt in ihrem Zeitensprünge - Projekt auf Fritz Noak. Er setzte sich im Dritten Reich aufopferungsvoll und allen Gefahren zum Trotz für die Interessen von Kindern und Jugendlichen ein, bis er 1939 von den Nationalsozialisten auf dem Erfurter Petersberg ermordet wurde. Nun wissen die Jugendlichen, warum ihr beliebtes Jugendzentrum heute noch "Fritzer" heißt und warum eine Gesellschaft damals wie heute Helden des Alltags braucht, die sich für Minderheiten einsetzen. Hinter Denkmälern und Straßennamen, hinter Jahres- und Opferzahlen oder Seiten im Geschichtsbuch würden eben immer auch persönliche Geschichten stehen, betonte Dagmar Schipanski, die sich ganz genau über die vielseitigen Projekte informiert hatte.

Die Zeitenspringer haben in den Projekt-Recherchen viel für ihr eigenes Leben mitgenommen, sie können eigenes Handeln in dem Erlebten älterer Generationen reflektieren und so Werte verinnerlichen. Die von der Stiftung Demokratische Jugend geförderten Projekte würden aber auch Distanzen und Vorurteile zwischen Generationen abbauen, berichteten in der Diskussionsrunde einige Projektleiter und Teilnehmer.

  
 

Auf der Projektmesse gelten alle Formen der Präsentation

"Die Zeitensprünge - Projekte sind nicht nur für die Jugendlichen selbst, sondern für alle in der Gemeinschaft ein wichtiger Beitrag. Vieles würde sonst in Vergessenheit geraten", würdigte Peter Weise vom Landesjugendring Thüringen e.V. den kreativen und gründlichen Einsatz der jungen Geschichtsforscher. Geschichte werde schließlich nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen geschrieben. Dabei lernen die Schüler ebenso fachliche wie soziale Kompetenzen in der Projektarbeit. Und noch viel besser: Die Arbeit sei auch spannend, ergänzte das junge Publikum, das an diesem Tag im Mittelpunkt stand.

  
 

Landtagspräsidentin Prof. Dagmar Schipanski zusammen mit Zeitenspringern

Eine 87 Jahre alte Zeitzeugin eines Zeitenspringer-Projektes musste im Plenarsaal weinen, als sie spürte, mit welcher Leidenschaft sich die jungen Thüringer den kleinen, aber oft schicksalsträchtigen Geschichten vergangenen Alltage auseinander setzten. Sie waren auf einmal präsent: Die eigenen Erfahrungen, wie sie als junges Mädchen ihren Bruder verlor, als im Nationalsozialismus eine SA-Einheit in Sondershausen die halbe Dorfjugend brutal zusammengeschlagen hat. Und die eigenen Erinnerungen, wie ein jüdischer Ladenbesitzer zu DDR-Zeiten aus dem Exil in den USA nach Sondershausen zurückkehrte und weinend eine Blume auf dem Grab seines Vaters fand. Diese und viele weitere ergreifende und oft lehrreiche Geschichten haben Sondershausener Jugendliche in einer Broschüre für jüngere und spätere Generationen verewigt. Die früher geborene Zeitzeugin, wie sich die ältere Dame selbst nannte, erinnerte in ihren Interviews auch daran, wie lebens- und liebenswert das soziale und lokale Umfeld junger Menschen heute im Vergleich zur Vergangenheit sei und man deshalb keinen Schritt zurück machen solle.

  

Auch für Zeitzeugen gibt es noch vieles zu entdecken

 

"Diese wichtige Recherche-Arbeit lässt auch begreifen, wie in der Vergangenheit Mehrheiten mit Minderheiten umgegangen sind und zeigt so nachfühlbar, was wir heute als Gesellschaft lassen sollten", lobte deshalb Thomas Heppener vom Vorstand der Stiftung Demokratische Jugend die Leistung der Zeitenspringer. In der offenen Podiumsdiskussion wurde mit lautstarkem Beifall deutlich, wie Projektarbeit Jugendarbeit und Schule zu Kooperationspartnern macht. Zeitensprünge selbst seien spannender als Geschichtsstunden. Diese Reise zu den Wurzeln unseres Daseins liefere viel Erkenntnis und Verständnis. Die Freiheiten, die unsere Gesellschaft heute genießt, sind keine Selbstverständlichkeit. Es sind mutige Minderheiten gewesen, kleine Helden, die gesellschaftlichen Fortschritt ermöglicht hätten. Solche Vorbilder müssen auch späteren Generationen objektiv, aber auch mal persönlich vorgestellt werden, so Heppener.

  

150 Zeitenspringer besuchten den dritten Thüringer Jugendgeschichtstag

 

Geschichte und Geschichten können durch viele Medien wieder lebendig werden. Songs, Videos, Ausstellungen, Hörspiele oder Präsentationen - die Brücke zwischen Generationen kann nur über den Dialog aufgebaut werden. Die auf der Projektmesse präsentierten Projekte aus ganz Thüringen haben das verdeutlicht. Es braucht gemeinsame Ideen zum Handeln, dann wachsen Generationen gemeinsam auf und lernen voneinander. Noch mehr Handwerk konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Jugendgeschichtstags im Anschluss an die Projektmesse von den großen Historikern des Landes in drei Workshops erfahren. Die wohl wichtigste Erkenntnis neben den Recherche-Methoden der Profis war für den Historiker-Nachwuchs aber sicher eins: Geschichtsforscher sind Freaks. Ihre Arbeit und ihr Erbe wird sicherlich selbst mal Geschichte schreiben.


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