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Neue Perspektiven für den ländlichen Raum

19.01.2006: Arbeitslosigkeit, Abwanderung, der Abbau von Infrastruktur kennzeichnen einen Trend in vielen Teilen Ostdeutschlands. Zahlreiche Studien belegen, dass damit auch fatale Folgen für die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Infrastruktur und damit für die Lebensqualität insgesamt einhergehen. Diese Entwicklungen gelten in besonderem Maße für die ländlichen Gebiete im Osten Deutschlands.

(Text: Liv Abel)

  

Dass dieser Trend auch durch gegenläufige Entwicklungen gekennzeichnet ist und Abwanderung gute Chancen hat durch die Steigerung der örtlichen Lebensqualität verlangsamt oder gar gebremst zu werden, zeigt ein Forschungsprojekt des Forschungsverbunds Gemeinschaftsnutzung. Das vom Bundesbildungsministerium (BMBF) geförderte Projekt untersuchte von 2002 bis 2004 im Rahmen des BMBF-Förderschwerpunkts "Möglichkeiten und Grenzen neuer Nutzungsstrategien" inwieweit gemeinsam genutzte Einrichtungen, Produkte und Dienstleistungen stabilisierend auf das Gemeinwesen in Gebieten mit dünner Besiedelung wirken können.

Am Beispiel Brandenburgs wurde nach Alternativen zu Abwanderung und dem Abbau von Infrastruktur geforscht. "Wir wollten wissen, wie die ländlichen Gebiete in Brandenburg nachhaltig entwickelt werden können und ob die gemeinschaftliche Nutzung z.B. von Boden, landwirtschaftlichem Gerät, technischer und räumlicher Infrastruktur die Lebensqualität dort erhöhen kann", sagt Ulrike Schumacher, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum Technik und Gesellschaft (ZTG) der Technischen Universität Berlin und Mitglied in dem Forscherteam. "Eigentlich ging es um etwas Ur-Menschliches. Dass Leute gemeinsam etwas nutzen, ist ja so alt wie die Menschheit. Wir haben das aber erstmals gezielt unter dem Blickpunkt der nachhaltigen Entwicklung untersucht."

Zu diesem Zweck haben die Forscherinnen und Forscher des Projekts rund 60 Einrichtungen in den einzelnen brandenburgischen Landkreisen befragt, darunter Dorfbegegnungsstätten und -gemeinschaftshäuser sowie Netzwerke und Zusammenschlüsse, die Heimatschutz betreiben, sich für den Umweltschutz und Landschaftspflege stark machen, oder die Berufsorientierung und Weiterbildung anbieten. In vielen Einzelgesprächen haben sie die Einrichtungen nach ihrer Entstehungsgeschichte, den Aufgaben und Perspektiven befragt. "Durch die enge Zusammenarbeit mit den lokalen Akteuren haben wir einen tiefen Einblick in die Praxis gewinnen können", sagt Ulrike Schumacher, "und einen engen Kontakt zu den einzelnen Projekten aufgebaut".

Dorfbegegnungsstätten als "soziokulturelle Angelpunkte"
  

Dr. Ulrike Schumacher

 
Dabei sei vor allem deutlich geworden, so die Wissenschaftlerin, dass neben den Ausgangsfragen nach dem ökologischen und dem wirtschaftlichen Nutzen dieser Projekte und der Frage, ob gemeinschaftliche Nutzung Ressourcen entlasten kann, sich relativ schnell ein anderer Aspekt als zentral herauskristallisierte. Diese in der Praxis doch ganz unterschiedlichen Gebilde waren nicht nur im engeren ökologischen Sinne tätig, sondern versuchten oftmals auch die soziale Situation vor Ort zu verbessern, Menschen zu integrieren und Angebote zur Weiterbildung und Selbsthilfe zu machen. So fungierten sie vielerorts als "soziokulturelle Angelpunkte", regten vielfach die Kommunikation und Kooperation unter der Bevölkerung an und erhöhten damit auch die Lebensqualität vor Ort. "Man muss zum Hintergrund noch hinzufügen", ergänzt Ulrike Schumacher, "dass das Soziale und das Kulturelle zu DDR-Zeiten oftmals in betrieblichen Zusammenhängen organisiert war. Das ist danach überwiegend weggebrochen und da sind diese Projekte in gewissem Sinne auch eingesprungen und haben diese Lücke gefüllt".

Heimatverbundenheit und gemeinschaftliches Miteinander
Während ihrer Arbeit vor Ort, erzählt die Wissenschaftlerin, die sich bereits in ihrer Dissertation mit dem Zusammenhang von Erwerbsarbeit und ehrenamtlichem Engagement beschäftigt hatte, habe sie bei den Menschen zudem eine große Heimat- und Naturverbundenheit beobachten können. Auch bei den "Rückkehrern" sei oft noch eine große Verbundenheit mit dem Heimatort, der Heimatregion vorhanden, die meist auch die Rückkehrentscheidung maßgeblich beeinflusst habe. Ähnlich wie bei der "Dorfaktionsbewegung", die sich von Skandinavien aus entwickelte, gebe es auch hier bei vielen Akteuren ein großes Bewusstsein dafür, dass der ländliche Raum es unbedingt wert sei, erhalten zu bleiben, und dass man etwas dafür tun müsse.

Zwar sei dieses Selbstverständnis von Dorf zu Dorf unterschiedlich ausgeprägt und gebe es in dem einen mehr, im anderen weniger gemeinschaftliches Miteinander. Interessanterweise sei aber die Bereitschaft, sich für den Heimatort einzusetzen sowohl bei den Älteren als auch bei den Jüngeren vorhanden, sagt Ulrike Schumacher. So habe sie erlebt, wie sich Jugendliche des Dorfes aktiv um den Kontakt zu den Älteren bemühen oder wie beispielsweise im Landkreis Märkisch-Oderland versucht werde, übergreifende Perspektiven für Jung und Alt zu entwickeln und generationenübergreifend zusammenzuarbeiten. "So wurden z.B. auf der Gemeindekonferenz Letschin ein Stammtisch für Vereine und Unternehmer sowie Arbeitsgruppen für ein Jugendparlament und Bildungsangebote im Schulzentrum ins Leben gerufen." Junge Menschen, denen sonst wenig Freizeitgestaltungsmöglichkeiten geboten würden, fänden in den Einrichtungen mit gemeinschaftlicher Nutzung oftmals einen Ort sich auszutauschen und sich am Dorfgeschehen zu beteiligen. "Ältere Kinder und Jugendliche, die sonst in den Jugendclubs außen vor bleiben und die sich im Sommer auf dem Sportplatz und im Winter an der Bushaltestelle treffen würden, sind meistens sehr froh, in den Begegnungsstätten einen Raum zu haben und zeigen sich auch bereit in den Einrichtungen mitzuwirken - zumindest da, wo man sie konkret anspricht und ihnen Angebote macht", sagt Ulrike Schumacher.

Anerkennung der Potenziale des ländlichen Raums gefordert
  
 

Buch zur Studie

Allerdings sei es schwierig, einen einheitlichen Trend oder eine allgemeingültige Aussage zu treffen, meint Ulrike Schumacher und weist damit auf ein weiteres Problem hin. Auch wenn die eine Einrichtung es schaffe, durch ihre Eigeninitiative neue Finanzierungsmöglichkeiten zu erschließen, Mittel und Wege zu finden aus der Förderabhängigkeit herauszukommen und sogar wirtschaftliche Impulse zu setzen, so sind diese Einrichtungen auch von einer großen finanziellen Unsicherheit und einer geringen Planungssicherheit geprägt. Es sei aus diesem Grund umso wichtiger, dass insgesamt ein Umdenken stattfinde, dass die Potenziale des ländlichen Raums anerkannt und gefördert und dass eine stärkere Kooperation und der Erfahrungsaustausch zwischen den Einrichtungen gefördert werde.

"Neben der finanziellen Förderung solcher Projekte und Initiativen braucht es vor allem eine Anerkennung dessen, was dort geleistet wird, eine Anerkennung der gemeinnützigen Arbeit, die dort stattfindet", so Schumacher. Der Gedanke der Gemeinschaftsnutzung sollte in der deutschen Öffentlichkeit stark gemacht werden, als Gegengewicht zur Konsumgesellschaft. Die Einsicht müsse wachsen, dass das, was die Menschen vor Ort machen, auch gut für das gesamtgesellschaftliche Ganze und gut für den sozialen Frieden ist, so die Sozialwissenschaftlerin.


Frau Schumacher wird die durch das Projekt entstandenen engen Bindungen und Kontakte in der Region weiterhin aufrechterhalten. Sie wird auch in Zukunft diese und ähnliche Prozesse im ländlichen Raum begleiten und ihrerseits zu aktivieren versuchen.

Die detaillierten Forschungsergebnisse sind in dem Band "Gemeinschaftsnutzungsstrategien für eine nachhaltige lokale Entwicklung" beim ökom-Verlag erschienen.

Weitere Informationen finden Sie auch unter: www.nachhaltig.org/Startseiten/NUR04_start_frame.html



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