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Wenn Jugendliche Geschichte erforschen:

12.04.2010: Auftaktveranstaltung des Jugendprogramms Zeitensprünge in Berlin und Brandenburg

  
 

Gruppenbild der Projekte 2010

Text: Anna Sarah Lieckfeld
Foto: Ingrid Bollhöffer

Es ist ganz schön unübersichtlich geworden im Dachgeschoss des Hauses der Natur im Zentrum Potsdams. Rund 30 Erwachsene und ein paar Jugendliche laufen auf der Bühne hin und her. "Zwei Stunden sind hier!" und "Oh, da habe ich noch geschlafen!" hört man. Oder "Drei Stunden. Ich stell mich hier ganz hinten an die Wand!"

Es ist später Vormittag am Freitag, den 19. März 2010. Die Landesjugendringe Berlin und Brandenburg haben zur Auftaktveranstaltung des Zeitensprünge-Programms geladen. Heidi Schulze vom Landesjugendring Brandenburg hat den Brandenburger Teil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gebeten, sich in einer Reihe aufzustellen - und zwar nach der Dauer ihrer Anreise in Minuten. Als sich das Chaos lichtet, zeigt sich, dass die Anreisezeit beträchtlich variiert: Zwischen 30 Minuten und drei Stunden mussten die Projektverantwortlichen oder deren Stellvertreter und interessierte Jugendliche investieren, um an der ersten Veranstaltung des Jugendprogramms Zeitensprünge 2010 teilnehmen zu können.

Zeitensprünge ist ein Programm der Stiftung Demokratische Jugend, das von Partnern, wie den Landesjugendringen begleitet und lokalen Trägern der Jugendarbeit umgesetzt wird. Es gibt Jugendlichen in allen ostdeutschen Bundesländern und Berlin die Möglichkeit, die Geschichte ihrer unmittelbaren Umgebung zu erforschen. Dieses Jahr wurde entschieden, dass 31 Projekte in Brandenburg und 25 Projekte in Berlin gefördert werden. Projekte, die sich mit so spannenden Themen beschäftigen, wie z.B. "Gefallene Mädchen" über ein ehemaliges Mädchenheim im Gutsschloss Blossin, "Spur der Steine", eine Forschungsreise zum Umgang mit der jüdischen Kultur nach 1945 in Strausberg oder "Mal sehen was so abfällt" - die Erforschung der Mülldeponie Vorketzin.

Jugendliche für Geschichte begeistern

Uta Götze vom Jugendclub Ketzin des Jugendfördervereins Mikado e.V. umreißt den Ansatz des seit 2003 laufenden Programms Zeitensprünge: "Es geht doch darum, die Jugendlichen mit einem Lebensthema zu greifen. Das immer nur wiederholende und trockene Reden über die Gefallenen oder so, das erreicht doch die jungen Leute nicht mehr. Die brauchen einen ganz persönlichen Zugang und dann zeigen sich an dieser kleinen Geschichte alle anderen geschichtlichen Zusammenhänge."

In Vorketzin wollen die Jugendlichen von Mikado e.V. die Geschichte der Mülldeponie erforschen und nachfragen: Was gab es für Müll in der DDR? Was gibt es heute für Müll? Wie war das mit dem Müll aus dem Westen? Wieso landete der in Vorketzin?

Burkhard Jungkamp, Staatssekretär für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg, hatte sich schon am frühen Vormittag genau wegen des "unverschulten Zuganges zu Geschichte" als ein großer Unterstützer des Jugendprogramms Zeitensprünge gezeigt. Er sagt in seiner Eröffnungsrede, dass es "unverzichtbar in der heutigen Zeit ist, dass sich Jugendliche direkt mit Geschichte beschäftigen. Denn dadurch verstehen wir erst die Dinge der Gegenwart." Und weiter erklärt er, dass erst durch die aktive Beschäftigung mit der Vergangenheit eine Einmischung in die Gegenwart möglich werde. Dass eine lebendige Demokratie aber Bürger brauche, die sich einmischen. Zeitensprünge sei für ihn ein kleiner, aber deswegen nicht minder wertvoller Schritt, um jungen Menschen im Osten Deutschlands zu helfen, ein demokratisches Bewusstsein zu entwickeln.

Gerade in Gegenden Ostdeutschlands, in denen ein so hoher Prozentsatz der Menschen zwischen 18 und 30 Jahren abwandert, müssten sich die verbleibenden Jugendlichen einmischen. Sie brauchten ein Verständnis von Demokratie, das ihnen ermöglicht, sich einzubringen und ein Gefühl von Heimat, damit es lohnt, sich zu engagieren. Jungkamp zeigt sich überzeugt davon, dass das Erforschen von Geschichte in der eigenen Umgebung Nähe und Verbundenheit zum Ort schaffen kann. "Und genau solche Nähe und Verbundenheit kann auch gegen Abwanderung wirken."

Neue Kompetenzen erlernen

Am späteren Vormittag, als der Dachsaal im hellen Frühlingslicht leuchtet, spricht Sandra Brenner vom Landesjugendring Brandenburg davon, dass die jungen Menschen im Programm Kompetenzen entwickeln können, "die in dieser Form vorher nicht da waren." Sie redet von verschiedenen Ebenen, auf denen die Jugendlichen ihre Kompetenzen erweitern können: Im Umgang miteinander, im kritischen Umgang mit den Ergebnissen und bei der Vermittlung ihrer Ergebnisse an andere.

Als Sandra Brenner am Ende ihrer Ausführungen in die Gesichter der Anwesenden schaut, sieht sie, dass es vielleicht ein bisschen zu viel Theorie war. "Es geht im Grunde darum, die Grundwerte unserer Gesellschaft zu vermitteln", setzt sie an. Welche Werte stecken in unserer Gesellschaft und was bedeutet das für das Arbeiten mit den Jugendlichen?

Das ist sicherlich kein geringer Anspruch an die Zeitensprünge-Projekte. Manche Teilnehmerin und mancher Teilnehmer gucken fast ein bisschen erschrocken über ein so hehres Ziel. Aber die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Landesjugendringe lassen ihre Zuhörer nicht mit leeren Händen und überladenen Köpfen stehen. Sie haben ein Workshopprogramm erarbeitet, das den Projektleitern und Koordinatoren eine erste Denkhilfe und ein Impuls sein soll, wie in den Projekten ganz konkret gearbeitet werden kann.

Am Nachmittag wird im Haus gegenüber schnell klar, dass das hehre Ziel vom Vormittag gar nicht so hoch gegriffen ist: Larissa Weber vom Anne Frank Zentrum in Berlin leitet einen Workshop zum Thema Multiperspektivität und Quellen.

Die Referentin verteilt an die ca. zwölf Workshopteilnehmerinnen und Teilnehmer Fotos: Immer vier bekommen eines. Was seht ihr? Wann ist das Bild entstanden? Was ist vor der Aufnahme passiert? Diese drei Fragen werden in den Kleingruppen diskutiert. Am Ende klärt Weber in der großen Runde über die Fotos auf. Auf einmal wird allen klar, wie verschieden so eine Momentaufnahme auf Menschen wirken kann. Und wie viele Personen man zu diesem Foto befragen müsste, wenn es ein Dokument aus dem eigenen Projekt wäre, um den vielen Perspektiven eines einzigen Fotos auch nur annähernd gerecht zu werden. Und immer geht es in der Diskussion um die Interpretation: Auf welcher Basis kommt man eigentlich zu welchem Schluss? In dem grauen Saal, im Halbkreis vor den bodentiefen Fenstern sitzend, bekommt die Diskussion über das sperrige Wertekonstrukt der freiheitlich demokratischen Grundordnung plötzlich ein ganz praktikables Gesicht.

Das Gefühl, dazuzugehören

Es ist Kaffeepause. Uta Götze von Mikado e.V. sitzt mit einem "ihrer" Jugendlichen aus dem Club im Dachsaal des Naturhauses in Potsdam und isst Kuchen. Gleich werden die Startersets verteilt. Darin sind T-Shirts, Schlüsselbänder, Notizblöcke, Kugelschreiber, ein Aufnahmegerät und eine Digitalkamera enthalten.

Das ist ein Moment, der Anerkennung vermittelt. Uta Götze erinnert sich an das letzte Jahr, als sie schon einmal mit einer Jugendgruppe am Programm teilgenommen hat. "Der Moment, in dem wir zuhause die Kamera und die T-Shirts hervorgeholt haben, war sehr aufregend. Die Jugendlichen haben sich wirklich ermutigt gefühlt, was anzupacken". Am besten kamen die Zeitenspringer-Ausweise an: Die Jugendlichen hätten darauf unterschrieben und sie sich in den Geldbeutel gesteckt, erzählt sie. "Das hat ihnen, glaube ich, so ein Gefühl von Dazugehören und Wichtigsein gegeben."

Und genau da schließt sich der Kreis aus mündiger Bürgerschaft, Grundwerten, Vergangenheit, Heimat und Reflexion auf ganz einfache Weise: Wenn Jugendliche durch Zeitensprünge ein Gefühl für den eigenen Platz in der Gegenwart entwickeln können.


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