Von allen ein bisschen - Herausforderung Kooperation!
05.12.2007: Erfolgreiche Fachkonferenz "Weg(e) in die Zukunft..."
Text/Fotos: Kerstin Müller
Sie war prominent besetzt - die sechste Fachtagung der Koordinierungsstelle "Perspektiven für junge Menschen - gemeinsam gegen Abwanderung" in der Stiftung Demokratische Jugend. Gemeinsam mit dem Verbund Rück- und Zuwanderung hatte sie Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft, Bildung, Politik und Jugendarbeit aus allen neuen Bundesländern nach Jena eingeladen, um über die Kooperationsgesellschaft der Zukunft zu diskutieren, der es gelingen soll, Fachkräfte zu sichern und Nachwuchskräfte zu qualifizieren. Und der Einladung folgten viele: Der Staatssekretär des Thüringer Ministeriums für Wirtschaft, Technologie und Arbeit, Prof. Dr. Christian C. Juckenack in Vertretung des Schirmherrn der Veranstaltung, Wirtschaftsminister Jürgen Reinholz, der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft, Mario Ohoven, der Geschäftsführer der Carl Zeiss Jena GmbH, Peter Popp, der Oberbürgermeister der Stadt Jena, Dr. Albrecht Schröter, Prof. Dr. Gabriele Beibst, die Rektorin der Fachhochschule Jena, sowie Dr. Michael Behr vom IPRAS e.V. Institut und noch viele mehr.
150 Tagungsteilnehmerinnen und Teilnehmer erlebten am 4. und 5. Dezember 2007 im Steigenberger Esplanade Hotel in Jena spannende und kontroverse Vorträge, praxisnahe Einblicke und impulsgebende Podiumsdiskussionen. Das übergeordnete Thema: "Fachkräftesicherung in Ostdeutschland - Perspektiven und Chancen für Unter-nehmen und junge Menschen".
Staatssekretär Prof. Dr. Christian C. Juckenack eröffnete die Fachkonferenz. Er betonte: "Ohne Fachkräfte hat die schönste Zukunftsbranche keine Zukunft - die Politik kann nur Rahmenbedingungen verbessern, es muss weiterhin das ureigene Interesse der Wirtschaft sein, selbst für seine Fachkräfte zu sorgen." Über den Beitrag seines Ministeriums in Thüringen verkündete er den Start neuer Handlungsansätze. Ab dem kommenden Jahr verstärke das Land Thüringen seine Aktivitäten im Bereich der Fachkräftesicherung durch die Einrichtung eines regionalisierten "Unternehmer- und Fachkräfteservice". Die Unternehmen sollen bei der Suche nach Fachkräften unterstützt werden, die Fachkräfte bei der beruflichen Etablierung in Thüringen und Zu- und Rückwanderer sollen über aktuelle Stellenangebote informiert werden. Dafür richte das Land 4 regionale Anlaufstellen ein.
Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft, forderte in seiner Rede besonders die Bildungspolitik auf, mit neuen und praxisnahen Konzepten dem Fachkräftemangel etwas entgegenzusetzen. Er betonte: "Es ist ein Armutszeugnis für die Bildungspolitik, dass Fachkräfte fehlen - es bedarf einer grundlegenden Bildungsreform des Bildungswesens - wir brauchen Pflichtpraktika für Lehrer, Hochschullehrer und Pädagogen in der Wirtschaft. Im Gegenzug gehen wir Unternehmen an die Schulen - firmenfinanzierte Projekte, Stipendien, Studiengänge ermöglichen den Kontakt zu potenziellen Auszubildenden." Ohoven weiter: "Der Mittelstand in Ostdeutschland muss im Wettbewerb mit den Konzernen um Fachkräfte und Akademiker attraktiver werden - auf Dauer bestehen nur innovative Unternehmen. Dazu brauchen wir Rahmenbedingungen, die fördern und nicht hemmen. Ostdeutsche Wirtschaftsstandorte sind viel besser als ihr Ruf - es weiß nur keiner."
Dr. Michael Behr vom IPRAS e.V. Institut Jena argumentierte: "Ein zentrales Handlungsziel muss es sein, die knapper werdenden Humanressourcen durch besseres Matching zwischen Bildungs- und Beschäftigungssystem, bedarfsorientierter Berufswahlorientierungen und verlustarmen Übergängen von Schule zu Ausbildung oder Studium und dem Arbeitsmarkt zu kompensieren." Verfüge die junge Generation über die Qualifikationen, die auf die vakanten Stellen passen, könnte ein Positivkreislauf in Gang kommen, der dem Wirtschaftsraum Dynamik verleihen würde, so Behr.
In einer Talkrunde trafen Vertreterinnen und Vertreter aller Zielgruppen der Fachkonferenz aufeinander. Über die Intention zur Veranstaltung dieser ersten Fachkonferenz erklärte Heidemarie Rubart, Leiterin der Koordinierungsstelle "Perspektiven für junge Menschen - gemeinsam gegen Abwanderung" in der Stiftung Demokratische Jugend: "Die Situation in Ostdeutschland erfordert neue, gemeinsame Handlungsstrategien: Wir haben auf der einen Seite junge Menschen, die weggehen, weil sie tatsächlich oder vermeintlich keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz in ihrer Heimatregion finden und auf der anderen Seite werden Fachkräfte knapp und der Bedarf kann bereits jetzt nicht mehr gedeckt werden. Daneben gibt es aber auch die junge Menschen, die hier bleiben und keine ausreichenden Qualifikationen haben, um diese Stellen zu besetzen - da muss man vielleicht auch einmal über Nachqualifizierung nachdenken. Dies alles scheint paradox, ist aber eine Herausforderung, die durch gelingende Kooperationen bewältigt werden kann. Dazu müssen vereinte Kräfte Heimatbindung auf der einen und Rück- und Zuwanderung auf der anderen Seite stärken. Wir als Stiftung engagieren uns gemeinsam mit dem Verbund Rück- und Zuwanderung in beiden Sektoren".
Dr. Gabriele Beibst , Rektorin der Fachhochschule Jena verdeutlichte die bevorstehende Situation der Hochschulen. Bis 2013 werde sich an den ostdeutschen Hochschulen die Zahl der Studierenden halbieren. "Wir arbeiten aktiv daran, unsere Studiengänge attraktiver und qualitativ hochwertiger zu gestalten. Die Hochschulen spielen eine entscheidende Rolle, wenn es um Fachkräftesicherung geht - denn wir holen die jungen qualifizierten Menschen in unser Land."
Als Vertreter eines Unternehmens wandte sich Peter Popp, Geschäftsführer der Carl Zeiss Jena GmbH ganz deutlich an seine Kollegen. "Jedes Unternehmen hat eine Verantwortung für seinen Standort. Wir müssen besonders jungen Menschen dabei helfen, den Blick für mögliche Ausbildungsberufe und Arbeitsfelder zu schärfen. So erschließen sich über Praktika oder Schnupperwochen schon frühzeitig Chancen, die vielleicht zu einer Anstellung führen."
Als ostdeutsche Vorzeige-Gemeinde stellte Ingo Senftleben, Bürgermeister der Stadt Ortrand und Bildungspolitischer Sprecher der CDU im Landtag Brandenburg, den Tagungsteilnehmern sein Handlungskonzept vor. In Ortrand am südlichen Ende Brandenburgs, an der Grenze zu Sachsen leben 2.600 Einwohner. 97% der Jugendlichen haben bereits am Ende der Schulausbildung eine Lehrstelle, eine Aussicht darauf oder legen das Abitur ab. Maß-geblicher Erfolgsfaktor für diese positive Situation sei die Bildungskonzeption der Gemeinde: Die Schulen bieten praxisnahe Angebote, helfen bei der Vermittlung von Praktika und durch Unternehmenssponsoring in den Schulen entstehe ein direkter Kontakt zu späteren poten-ziellen Arbeitgebern. "Perspektiven für die Zukunft lassen sich nur mit einer Verzahnung aller Ebenen schaffen. Sowohl der Nachwuchs als auch Unternehmen und Politik sind gefordert. Wir brauchen junge Menschen, die es "wollen" und Unternehmen, die es "können".
Konkret und lösungsorientiert ging es im Anschluss an die Eröffnungsreden und Beiträge dann in vier Foren weiter. "Ressourcen bündeln und nutzen - Kooperationen zwischen Wirtschaft und Jugendarbeit" - so der Titel des Forums, zu dem die Koordinierungsstelle "Perspektiven für junge Menschen" ganz besonders eingeladen hatte. Es diskutierten Ingo Rollwagen (DB Research), Steffen Schneider (Jenoptik), Doris Voll (Bürgerstiftung Zwischenraum), Dr. Hans Liudger Dienel (nexus Institut) und Heike Kirsten (Netzwerkstelle Altenburger Land) über Sozialkapital, Kooperationskulturen und Selbstwirksamkeitserfahrungen. Nach knappen drei Stunden stand fest: Jugendarbeit und Wirtschaft müssen in der Zukunft gemeinsame Handlungsansätze entwickeln - aber erst bedarf es für beide Seiten eines verstärkten Beziehungsmanagements, um sich anzunähern und zu verstehen, was der eine von dem anderen will.
Der zweite Tag der Fachkonferenz stand unter dem Titel "Perspektiv-Gespräch". In Expertenrunden und an Gesprächstischen wurden die Tagungsteilnehmer und -teilnehmerinnen dazu eingeladen, ihre Sicht auf die Probleme und im Schluss damit zusammenhängende Herausforderungen für die Lösung des Problems "Fachkräftemangel" zu diskutieren. He-rausgekommen sind klar definierte Ideen und Ziele: Die Regionen brauchen koordinierte Netzwerke, in denen Akteure aus Jugendarbeit, Hochschule, Kommune, Wirtschaft und anderen Bereichen miteinander agieren können, den ostdeutschen Bundesländern fehlt es an einem gemeinsamen Image, hier muss die Politik Rahmenbedingungen schaffen, personale Verantwortungsgemeinschaften müssen Kooperationen und Projekte erschließen, die ohne staatliche Förderung leben, Schule und Wirtschaft müssen sich mehr über die gemeinsame Nachwuchsqualifizierung austauschen und konkret handeln, Jung und Alt können in Mento-ring - Projekten voneinander lernen.
Am Ende war also klar: Um dem Fachkräftemangel in Ostdeutschland etwas entgegenzusetzen, muss ressortübergreifend gehandelt werden. Und das so praxisnah wie möglich. Wege in die Zukunft gibt es viele - die Ressourcen der Jugendarbeit müssen dabei jedoch noch viel mehr in den Blickwinkel gerückt werden. Dafür wird sich die Stiftung Demokratische Jugend mit der Koordinierungsstelle "Perspektiven für junge Menschen - gemeinsam gegen Abwanderung" und dem Verbund Rück- und Zuwanderung auch weiterhin stark einsetzen.
Die nächste Fachtagung findet 2008 statt. Thema dann: "Bürgerschaftliches Engagement".
Eine Dokumentation zur Fachkonferenz erscheint Anfang nächsten Jahres.






