"Brücken zum Bleiben"
17.10.2005: Viele ostdeutsche Fachkräfte verlassen die Heimat, weil der Westen bessere Aussichten auf einen Job und zudem ein höheres Lohnniveau verspricht. Das ist nichts Neues. Dass sich aber einige Menschen darum kümmern, diesen Trend umzukehren und abgewanderten Fachkräften den Kontakt nach Hause zu erhalten oder ihnen gar eine langfristige berufliche Perspektive im Land zu bieten - diese Idee ist relativ neu!
(Text/Fotos: Liv Abel)
Zur Abwehr des drohenden Fachkräftemangels in den neuen Ländern solle die Abwanderung junger Menschen in den Westen umgekehrt werden, erklärte unlängst der für den Aufbau Ost zuständige Minister Manfred Stolpe (SPD). Dazu müssten in Ostdeutschland Rückkehrern, aber auch jungen Hochschulabsolventen aus dem Westen, "Brücken zum Bleiben" gebaut werden, so der Minister weiter. Wie so eine "Brücke" ganz konkret aussehen kann, das macht eine kleine Kontaktagentur im Nordosten der Republik tagtäglich vor. Sie bemüht sich seit dem Projektbeginn im Jahr 2001 um jeden Einzelnen, der signalisiert, nach Mecklenburg-Vorpommern kommen oder dorthin zurückkehren zu wollen, oder der, z.B. als mittelständischer Unternehmer, eine freie Stelle zu besetzen hat. Aber wie kommt man eigentlich auf die Idee, Abgewanderten und Heimwehgeplagten beim Rückkehren behilflich zu sein?
Die Kontaktagentur
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mv4you-Projektleiterin Sabine Ohse |
"Die Idee zu einer Kontaktagentur ist vor dem Hintergrund der großen Abwanderungswelle vor allem junger und gut qualifizierter Menschen entstanden", sagt Sabine Ohse, Projektleiterin von der Agentur mv4you in Schwerin. Denn die so genannten Leistungsträger zog es nach der Wende besonders schnell in den Westen. "Da wollte man vor allen Dingen versuchen, den Kontakt zu ihnen zu halten - außerdem sollte der, der weggeht nicht das Gefühl bekommen, vergessen zu werden", erklärt sie. Danach seien sie sehr schnell an den Punkt gekommen, wo sie realisierten, dass die Leute nur dann zurückkehrten, wenn es auch eine berufliche Perspektive für sie im Land gibt. Deshalb kümmert sich das sechsköpfige Team von mv4you seit dem letzten Jahr auch verstärkt darum, Rückkehrwillige mit jenen ortsansässigen Unternehmen zusammenbringen, die Fachkräftemangel zu beklagen haben - neben vielen Bemühungen um Existenzgründungen bzw. Unternehmensnachfolge. Die meisten Firmen hätten längst erkannt, dass in ein paar Jahren die Auswanderer wieder dringend gebraucht würden, so die Projektleiterin. Ob Ärzte, Ingenieure oder Informatiker - schon jetzt bestünde großer Bedarf an qualifizierten Fach- und Führungskräften.
"Wandern und wiederkommen"
Wandern ist gut, aber was, wenn aus dem Wandern immer häufiger nur ein Auswandern wird? Wie soll Ersatz für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer geschaffen werden, die in den kommenden Jahren aus dem Berufsleben ausscheiden werden? Mv4you setzt hier an. Die internetgestützte Agentur versucht Fachkräften aller Art eine konkrete Perspektive im Land zu ermöglichen. Um diese passgenau vermitteln zu können, setzt die Schweriner Agentur seit dem letzten Jahr verstärkt auf die Zusammenarbeit mit Unternehmern und privaten Arbeitsvermittlern und bildet Schnittstellen mit Netzwerken vor Ort, mit Unternehmen, Verbänden, Kammern sowie rückkehrwilligen Fachkräften auf der anderen Seite. "Wir verstehen uns deshalb vor allem als Informationsplattform", sagt Sabine Ohse. Unter dem Motto "Wandern und Wiederkommen" kann man sich auf den Internetseiten von mv4you kostenlos als potenziell Rückkehrwilliger mit seinen jeweiligen Qualifikationen registrieren lassen und wird gezielt mit Informationen aus der Heimat und über neue Job-Angebote versorgt.
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mv4you-Büro in Schwerin |
Das Team von mv4you ist stolz auf seine Erfolge: Die Stellenbörse und die Datenbank mit den jeweiligen Qualifikationsprofilen umfasst mittlerweile ca. 2000 Dateneinträge. Die Projektleiterin schätzt, dass mit Unterstützung der Kontaktagentur, die vom Ministerium für Arbeit, Bau und Landesentwicklung gefördert wird, seit Jahresbeginn etwa 39 junge Fachkräfte nach Mecklenburg Vorpommern zurückgekehrt sind und eine Arbeit im Land aufgenommen haben. Sieben von ihnen hätten den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und rund 200 Rückkehrer habe die Agentur seit Projektbeginn vermittelt.
Heimweh als Rückkehrgrund
Im Schnitt sind es aber mehr Männer, die sich um einen Arbeitsplatz in der Heimat bemühen, sagt Sabine Ohse. Im Gegensatz zu den Frauen falle es ihnen oft schwerer, sich an eine neue Umgebung anzupassen. Nur 40 Prozent der Bewerber seien weiblich, obwohl ca. 60 Prozent der ostdeutschen Abwanderer Frauen sind. Der typische Rückkehrer ist in der Regel Ende 30 und hat ein abgeschlossenes Hochschulstudium, meist im IT- oder Ingenieur-Bereich. Als Hauptgrund für den Rückkehrwunsch nennen die Betroffenen Heimweh, weiß Sabine Ohse zu berichten. Viele der Bewerber hätten noch eine starke Bindung zu Land und Leuten. Die Familie, die Liebe zur Natur und zu der schönen Landschaft seien die am häufigsten genannten Motive bei den Rückkehrwilligen.
Auch Gehaltseinbußen würden die meisten, die wegen eines gut bezahlten Jobs einst weggezogen sind, in Kauf nehmen, sagt Sabine Ohse. Dies belegen auch wissenschaftliche Untersuchungen, wie beispielsweise eine Studie der Hochschule Magedeburg-Stendal. Sabine Ohse und ihre fünf Kolleginnen kennen diese Fälle aus der täglichen Arbeit nur zu gut. "Der Wunsch wieder in der Heimat zu arbeiten, ist bei vielen Abgewanderten vorhanden", sagt sie.
Weitere Informationen rund um die Kontaktagentur finden Sie unter: www.mv4you.de







