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Von aufrechten Siegern und schrägen Tönen

18.11.2005: Am 12. November wurden in Wernigerode die Preisträger des Wettbewerbes "Freistil - Jugend engagiert in Sachsen-Anhalt" ausgezeichnet. In festlichem Ambiente trafen sich jugendliches Engagement, Hochspannung und ein Hauch von Hollywood.

(Text/Fotos: Henry Berndt)

  
 

Rathaus von Wernigerode

Im historischen Rathaus von Wernigerode wird normalerweise große Politik gemacht. Hier werden Konzepte erarbeitet, Vorschläge diskutiert und Haushaltspläne beschlossen - und das seit 1277. Der derzeitige Oberbürgermeister der Stadt, Ludwig Hoffmann, fällt hier täglich Entscheidungen für und über die Zukunft seiner Stadt. Heute, am 12. November, jedoch hat die Zukunft selbst, Jugendliche aus ganz Sachsen Anhalt, das Rathaus für sich in Anspruch genommen, so wie am Tag zuvor die Karnevalsnarren. Der heutige Anlass aber, ist alles andere als närrisch. Es werden weder Kamelle geworfen, noch Pappnasen getragen. Die Person des Abends hat überhaupt keine Nase, dafür aber einen großen Mund und eine kluge Brille. Sie heißt Anka Schmong und ist das Maskottchen von "Freistil", dem Wettbewerb "Jugend engagiert in Sachsen-Anhalt".

  

Freiwilligenagentur Sachsen-Anhalt

 

Der Wettbewerb wird seit 2003 bereits zum dritten Mal ausgeschrieben. Er wird getragen von der Freiwilligenagentur Sachsen-Anhalt e.V. und unterstützt durch das Sozialministerium, die Lotto Toto Sachsen-Anhalt GmbH und die Stiftung Demokratische Jugend. Um die Organisation kümmert sich in diesem Jahr ,klar!, die Servicestelle Jugendbeteiligung in Sachsen-Anhalt. Auch dahinter verbergen sich engagierte Jugendliche, die unter dem Motto "von Jugend für Jugend" ehrenamtliche Projekte fördern, wenn sie nicht gerade eine Preisverleihung für 120 Gäste organisieren, so wie am heutigen Abend. Leitung und Koordination des Wettbewerbs teilen sich Lutz Riemer und Franziska Kietzmann.

Die Preisverleihung ist gleichzeitig Höhepunkt und Abschluss des Wettbewerbs. Um 17.00 Uhr sollen die Feierlichkeiten beginnen, und schon eine halbe Stunde vorher füllt sich der Festsaal des Rathauses nach und nach mit Leben. Noch testet MDR-Moderator Uli Wittstock die Technik, gemeinsam mit den "Infoscouts", den vielen jugendlichen Helfern vor Ort. Das Mikrophon funktioniert, der Beamer auch. Dann kann es ja losgehen.

  
 

Publikum in Wernigerode

Eingeladen sind neben zahlreichen Ehrengästen wie Oberbürgermeister Ludwig Hoffmann und Staatssekretärin Bärbel Freudenberg-Pilster alle jugendlichen Teilnehmer der 41 eingereichten Projektvorhaben. Die Spannung ist schon jetzt auf dem Höhepunkt, denn noch weiß nur die Jury, wer die Preisträger des Abends sein werden. Vielleicht sind es ja Linda, Marie, Adris und Sebastian, Musiker des Orchesters "schrÄgetÖne.stendal", welches insgesamt aus 41 Mitgliedern besteht. Ihr Projekt ist Teil von Kunstplatte e.V., einem Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, "die Kunst auch in die Plattenbauten zu holen", wo sie häufig vernachlässigt würde. Vor zwei Jahren tourten "schrÄgetÖne.stendal" mit dem Musical "Romeo und Julia" durch die Lande und sind seitdem fester Bestandteil der Kunstplatte. Ein Streicher-Quartett aus dem Orchester untermalt auch heute Abend die Preisverleihung musikalisch. Ihre gefühlvolle Abba-Interpretation von "Mamma Mia" lässt die Herzen im Publikum dahin schmelzen und eröffnet so einen Abend, der an Spannung und Emotionalität einer Oscarverleihung in nichts nach steht.

Auf die klassische Musik folgen klassische Grußworte, die sich auf klassische Weise mühen, nicht all zu langatmig zu werden. Der Spannung im Saal tun sie zumindest keinen Abbruch. Unter den aufgeregten Projekt-Teilnehmerinnen und -teilnehmern im Publikum sitzen auch Marcel und Caro, die das Projekt "Landesschülertreffen Sachsen-Anhalt" vertreten. "Es geht uns nicht um den ersten Platz", sagt Marcel, "aber eine kleine Anerkennung wäre schon nicht schlecht." Durch die Organisation von Landesschülertreffen wollen sie versuchen "mehr Jugendliche für Politik zu begeistern". Dafür bieten sie jährlich über 100 Jugendlichen aus ganz Sachsen Anhalt die Chance, mit ihnen ein Wochenende in Magdeburg zu verbringen, und dabei an verschiedenen Workshops teilzunehmen.

  

Marcel und Caro vom Projekt "Landesschülertreffen"

 

Matthias und Anne vom "Jugendforum Magdeburg" bewarben sich gleich mit zwei verschiedenen Projekten beim Freistil-Wettbewerb. Der achtzehnjährige Matthias ist beim Jugendforum verantwortlich für die Pressearbeit und beteiligte sich an der Erarbeitung einer Schülerrechtsbroschüre, in der die Rechte und Pflichten von Schülern in Sachsen-Anhalt in ein verständlicheres Deutsch übersetzt werden sollten. Sie wurde mit einer beachtlichen Auflage von 10.000 Stück in Magdeburg verteilt. Aus seinen Gewinnambitionen macht Matthias keinen Hehl: "Über die Plätze eins, zwei und drei würden wir uns freuen", sagt er bestimmt, um es anschließend doch noch ein wenig diplomatischer auszudrücken: "Wir wollen auf jeden Fall in die engere Auswahl kommen". Anne ist einer der Köpfe hinter "Test it", einem Projekt, in dem die Magdeburger Spielplätze auf Herz und Nieren überprüft werden. Die Tester sind dabei allerdings weder Politiker noch Sicherheitsfirmen, sondern die kleinen Spielmätze selbst. Bisweilen völlig vernachlässigte Aspekte wie "Macht dieser Spielplatz überhaupt Spaß?" werden so wieder ins Blickfeld gerückt und in das erwachsene Gedächtnis zurückgeholt. Noch weiß Anne aber nicht, dass sie etwa eine Stunde später in Tränen aufgelöst auf der Bühne stehen wird.

Dann ist es endlich soweit: Die Preisverleihung kann beginnen. Natürlich haben alle Redner wiederholt darauf hingewiesen, dass "alle Projekte schon jetzt Sieger sind". Doch das interessiert im Saal niemanden mehr, denn die Plätze zehn bis sieben werden verlesen. Die Ausgezeichneten erhalten je einen "Engagement-Koffer" mit nützlichen Utensilien für die ehrenamtliche Arbeit, darunter CD-Rohlinge, Klebeband und Bücher- ja richtig, Klebeband, ein nicht zu unterschätzendes Utensil, wie man hier erfahren kann.

  
 

Maskottchen Anka Schmong

Noch aber sind sie nicht unter den Preisträgern: die Musiker von schrÄgetÖne.stendal, Marcel und Caro vom Landesschülertreffen und Matthias und Anne vom Jugendforum Magdeburg. Die Spannung ist dafür auf dem Siedepunkt. Es folgen die Plätze sechs bis eins, jeweils einzeln von einem Laudatoren angekündigt. Ganz wie in Hollywood bildet die Laudatio noch einmal einen kunstvollen Spannungsbogen: "Dieses Projekt zeigt besonderes Engagement für die Jugendlichen und ihre Probleme". Ein Tuscheln beginnt den Raum zu erfüllen: "Sind wir gemeint? Wer von uns geht nach vorn, wenn wir das sind?" Den sechsten Platz erhält der "Horizontpalast", ein von Jugendlichen selbst verwaltetes Projekthaus in Aschersleben. Auf Platz fünf folgen die Jugendlichen des "Cafés am Heizhaus", ein Jugendclub in Ilsenburg. Kurz darauf kommt es zu einem "Eklat", als das putzige Maskottchen Anka Schmong von Laudator Frank Tillmann vom deutschen Jugendinstitut in Halle auf das Schlimmste beleidigt wird: "Sieht ein bisschen aus wie ein Keks", fällt ihm spontan ein, als er die kleine Papp-Version den Viertplatzierten überreicht. Den Preis erhält die Theatergruppe "Ab- und Zuspiel" aus Halle, die ihr Preisgeld von 300 Euro vor allem in die teuren Tantiemen ihrer neugeplanten Theaterstücke investieren wollen.

Die offizielle Preisvergabe wird nun durch die Verleihung des Sonderpreises für die beste Zusammenarbeit von Jugendlichen und Behörden unterbrochen. Der Oberbürgermeister selbst darf den Preis an das Projekt "young part" übergeben, denn die Gewinner stammen direkt aus Wernigerode. "Young part" organisiert jedes Jahr in jugendlicher Eigenregie ein großes Open-Air-Festival, welches inzwischen fester Bestandteil des traditionellen Rathausfestes geworden ist. Dann übernimmt die jugendpolitische Sprecherin der PDS Eva von Angern das Wort und freut sich ein Projekt beglückwünschen zu dürfen, mit dem sie selbst viel verbindet, wie sie sagt: "Test it", das Spielplatz-Projekt, erhält den dritten Platz. Tapfer geht Anne in Richtung Bühne, doch die Tränen lassen sich nicht zurückhalten. Völlig aufgelöst vor Freude nimmt sie die Anerkennung für ihr Engagement entgegen. Das Projekt "Kunstleinwand" darf sich kurz darauf über den zweiten Platz freuen. Den Preis erhalten sechs Jugendliche aus Wittenberg, die ein eigenes Kunsthaus aufgebaut haben und jungen Künstlern aus der Umgebung die Chance geben, ihre Werke dort auszustellen.

  

Jugendliche von "Revo"

 

Schließlich wird es Zeit für die Kürung des Gewinners, fünf Monate nachdem der Freistil-Wettbewerb auf dem Magdeburger Domplatz mit vielen orangenen Luftballons eröffnet wurde. Noch immer hoffen viele junge Zuschauer, dass sie die Glücklichen sein dürfen. Mehr als alle anderen Projekte aber überzeugt die Jury am Ende das Konzept von "Revo" aus Halle: "Die Jugendlichen von Revo zeigen mit ihrem Einsatz, dass Jugendliche sehr wohl etwas bewegen können und dabei nicht zwangsläufig auf Institutionen und Erwachsene zurückgreifen müssen." Unter den vielfältigen Aktivitäten von "Revolution Entertainment" werden besonders ihre Dokumentation zu U18-Wahl und ein Theaterstück für die internationale Summerschool des Thalia Theaters Halle gewürdigt. Ihr stolzes Preisgeld von 1600 Euro wollen sie nun in ihr neustes Projekt, einen Vampirfilm, "der die Welt schockieren wird", investieren. Damit ist die Katze aus dem Sack. Die traurigen Gesichter einiger Jugendlicher erhellen sich aber schnell wieder, als endlich das Buffet im Ratskeller eröffnet wird. Auch Projektkoordinator Lutz Riemer ist froh, dass der offizielle Teil des Abends beendet ist: "Das hat jetzt erstmal laut ‚Plumps’ gemacht."

Nach offiziellem Ablaufplan sollten die Preisträger direkt im Anschluss für Interviews zur Verfügung stehen, doch der Hunger zieht auch sie erstmal zu Schnittchen und Fruchtcocktails. Nach den unvermeidlichen Fototerminen geht es dann zurück in die Jugendherberge zur After-Show-Party. Und wieder weht ein Hauch von Hollywood durch Wernigerode, die Stadt am Fuße des Brockens.


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